Roman "Sunitas Vermächtnis" - Leseprobe

Prolog

 

 

Abhinava kauerte zitternd auf dem Höhlenboden zwischen den anderen, schlafenden Sadhus. Angst hatte ihn ergriffen, sein Herz hämmerte und sein Atem keuchte. Seine Augen starrten scheinbar ins Leere. Er versuchte zu erwachen, diesem Albtraum zu entfliehen, aber es gelang ihm nicht.

Entsetzt beobachtete er einen schwarz vermummten Mann, der sich wankend auf ihn zu bewegte. Er fühlte das Dunkel in ihm, grenzenlosen Kummer und sein schlechtes Gewissen, das schwer an Schuld trug.

Abhinava sah sich plötzlich im Wasser, in einer fauligen, stinkenden Brühe! Ein gellender Schrei ließ ihn zusammenfahren  – dann der Aufprall eines Körpers auf die Wasseroberfläche!

Etwas zog ihn nah heran! Er musste es mit ansehen, jedes Detail: Wie sie um ihr Leben kämpfte und dann aufgab! Er war wie gelähmt und konnte ihr nicht seine Hand zur Hilfe reichen. Gleich darauf wurde er hinausgerissen, fortgeschleudert und landete erneut an einem Gewässer! Wieder zog ihn etwas mit Macht – tief hinein in die Fluten. Und da! Auch dieses Mal erblickte er eine Frau! Sie kämpfte nicht. Er fühlte ihre endlose Trauer, völlige Resignation, Aufgabe … und Ruhe. Sie war vollkommen ruhig! Sie schwebte vor seinen Augen hinunter zum Grund und gab sich hin. Ihr Blick traf ihn, als sie ihr Leben in vielen kleinen, schillernden Bläschen aushauchte!

 

 

Kapitel 1 – Ajits Herkunft

Bombay/Sion, 26. Februar 1910

 

Die Mittagssonne schien milde vom blauen Himmel herab und ließ die Blütenpracht auf Balkonen und Veranden der wenigen Häuser in der Ganpatistraße leuchten.

Kirana stand keuchend auf einem dieser Balkone, und als wieder eine Wehe einsetzte, krallte sie ihre Finger fest an die Balustrade. Danach versuchte sie langsam und tief zu atmen, um in der Pause Kraft zu schöpfen. Sie blickte hinunter. Einige Menschen gingen an den vornehmen, im englischen Stil erbauten Häusern vorüber, die die Straße säumten – manche Passanten schienen alle Zeit der Welt zu haben und wandelten gemächlichen Schrittes, andere eilten zügig voran. Zwei heilige Kühe genossen diese Ruhe und lagen wiederkäuend neben ihren Hinterlassenschaften im Schatten eines riesigen Salbaumes.

Die nächste Wehe war stärker. Kirana stöhnte und fühlte plötzlich, wie warme Flüssigkeit aus ihr herauslief, an ihren Beinen entlang und unter ihr eine Pfütze bildete.

„Oh, die Fruchtblase ist geplatzt. Schnell rein“, dachte Kirana. Im selben Augenblick wurde der Schmerz unerträglich.

„Das Kind kommt! Es kommt!“, rief sie aufgeregt, drehte sich vorsichtig um, betrat zusammengekrümmt den kleinen Raum und legte sich auf ihr Bett. Der Schmerz milderte sich. Die Hebamme untersuchte Kirana und nickte ihr aufmunternd zu. Die nächste Wehe ließ auf sich warten. Zu Kiranas Erstaunen geschah weiter nichts. Besorgt blickte die Hebamme sie an – in der Luft lag angespannte Ruhe.

 

Nur zwei Häuserblocks weiter konnte von Ruhe nicht die Rede sein. Ganesh Verma saß mit einem Geschäftsfreund vor einem kleinen Imbissstand und aß Gol Gappas. Nachher würde er sich aufmachen zu seiner Liebsten – Kirana, die unmittelbar vor ihrer Niederkunft stand. Wie gerne hätte er jetzt über dieses aufwühlende Ereignis geredet, aber das war unmöglich. Es würde seinen Ruf ruinieren. Er spürte leichtes Kopfweh und fuhr sich mit den Fingern seiner Rechten über die Stirn und durch sein graues Haar – der Lärm quälte ihn heute, sonst machte er ihm nie etwas aus. Er liebte diese belebten Straßen. Hier warben Händler lautstark um Kundschaft. Jeder versuchte, den Konkurrenten zu übertönen, denn die zahlreichen Läden waren dicht aneinander gedrängt. Dazwischen liefen Chaiwallas herum und priesen ihren Tee an, Eisverkäufer übergossen zerstoßenes Wassereis mit farbenfrohem Sirup und waren umringt von Kinderscharen, die mit großen Augen dabei zusahen. Bettler hockten am Straßenrand und an Häuserecken, sie streckten den Vorbeieilenden verbeulte Blechdosen entgegen und unterstützten ihre durchdringenden Bitten um Almosen, indem sie damit klapperten. Aus den zahlreichen Garküchen quollen dicke Dampfschwaden wie essbarer Nebel und mischten ihren appetitlichen Duft mit dem Gestank von Unrat, der überall herumlag... Niemand störte sich daran.

 

Bei Kirana ging es jetzt allerdings auch lebhaft zu:

„Pressen, du musst pressen!”

Die Hebamme, eine energische, kleine Person, gab ihr klare Anweisungen – ihre Stimme klang leicht ungehalten.

„Ich kann nicht mehr!”, rief Kirana unter Schmerzen, ein Schreien konnte sie gerade noch unterdrücken.

„Du musst! Reiß dich zusammen! Press kräftig mit, wenn die nächste Wehe kommt. Ich gebe dir Dammschutz.”

Die Gebärende wand sich unter dem unsäglichen Geburtsschmerz und tat angestrengt, wie ihr befohlen.

Dabei entkam ihrem Kehlkopf ein tiefes Grollen und mit dem stärkeren Pressen schwoll es zu einem Brüllen an, das zuletzt in lautem Kreischen gipfelte.

„Ein Junge! Es ist ein Junge, Kirana!”

Im Nebenzimmer, an der offenen Tür des kleinen, abgedunkelten Raumes, standen mittlerweile drei von Kiranas Kolleginnen, allesamt Luxushuren wie sie. Mit gemischten Gefühlen sahen sie auf die Gebärende, die fürs Kinderkriegen doch schon recht alt war: einunddreißig. Sie tuschelten hinter vorgehaltener Hand:

„Sie kann sich aber auch kein bisschen zusammenreißen! Wie eine Sechzehnjährige benimmt sie sich“, befand die Älteste.

Zustimmend nickte eine der Nebenstehenden. Die andere, eine junge und noch reichlich unerfahrene Schönheit verteidigte Kirana:

„Aber warum soll sie ihren Schmerz nicht hinausschreien? Es ist doch kein Mann im Nebenraum, dem sie ihre Tapferkeit beweisen müsste.“

„Ach, was weißt du denn?!“, fuhr ihre Vorrednerin sie an, um wieder das Wort zu ergreifen:

„Erstaunlich, wirklich erstaunlich, dass es sich um ihr erstes Kind handelt. Aber da hat sie uns eben einiges voraus.“

Im Gegensatz zu ihren Kolleginnen hatte Kirana das große Glück besessen, von ihrer Mutter einen Rat zur Empfängnisverhütung erhalten zu haben. Sie empfahl ihrer Tochter damals beim Einsetzen der ersten Monatsblutung, für die Zukunft eine Mischung aus zerriebenen Katechu Akazienblättern, Steinsalz, Ghee und Honig. Diese sollte sie vor jedem Verkehr tief in die Vagina einbringen, möglichst vor den Muttermund. Ein Beweis der Wirksamkeit war, dass Kirana und ihr Bruder die einzigen Kinder der Khannas waren. Beide erwünscht.

Wiederholte, anfängliche Versuche, die Bordellbetreiberin Kumari vom großen Nutzen dieses Hausmittels zu überzeugen, schlugen fehl. Zuerst lachte sie Kirana aus und hielt ihre seltsame Mischung für ein Resultat von Aberglauben oder blühender Fantasie. Schließlich kam es zum Streit und da verbot sie Kirana unter Strafandrohung, diesen „Blödsinn“ ihren Kolleginnen aufzuschwatzen! Selbst die Tatsache, dass Kirana all die Jahre nicht schwanger geworden war, überzeugte Kumari nicht. „Sie ist eben eine unfruchtbare Liebesgöttin und damit Gold wert!“, war ihre Meinung.

„Was ist denn ihr Geheimnis, Didi?“, fragte das junge Ding interessiert.

Nun schon freundlicher, weil sie sich durch die Frage geschmeichelt fühlte, antwortete die Erfahrene:

„Kirana kennt das Geheimnis von Lakshmi und Annapurna. Sie erklärte mir einmal, sie hätte ein Wundermittel, das sie regelmäßig benutzen würde. Als sie hier, in diesem „Etablissement“, anfing, hatte sie deswegen einen heftigen Streit mit Kumari – aber am Ende hat die sich darauf eingelassen und Kirana erlaubt, das Mittel anzuwenden. Sie hat ja schnell mitgekriegt, dass Kirana eine außergewöhnlich begabte und begehrte Hure war.“

Bei dem Wort „Etablissement“ hatte Bharati, so war ihr Name, sich größte Mühe gegeben, wie eine feine Dame zu klingen. Sie war stolz, solch ein kompliziertes Wort zu kennen und aussprechen zu können.

Unbeirrt fuhr sie mit ihren Erläuterungen fort:

„Als Kirana zwei Jahre hier gearbeitet hatte, kam Ganesh Verma – du kennst ihn ja. Sie war damals erst neunzehn, kaum älter als du jetzt, und er achtunddreißig. Ich war dabei, als er sie traf. Unglaublich war das: Er sah sie, er nahm sie und verliebte sich in sie. Fertig. Keinem anderen außer ihm durfte sie von da an ihre Dienste anbieten.“

„Oh, wie sonderbar! Aber auch wunderbar! Kirana ist zu beneiden“, staunte Lavali.

Mittlerweile hatte die kleine, knochige Hebamme die Nachgeburt untersucht, das Neugeborene gesäubert und es Kirana wortlos in die Arme gelegt.

Diese lag erschöpft in den Kissen, sah in die Gesichter ihrer Kolleginnen und war verunsichert.

Niemand sprach mehr. Alle blickten auf das nackte Kind. Kirana schaute zu ihrem kleinen Sohn, besah ihn sich genau – und erschrak heftig! Sein linkes Bein! Es war eindeutig ein Stück kürzer als das rechte! Ihr war, als würde sich der Erdboden unter ihr auftun! Ein Kind mit einer Körperbehinderung! Ihr Kind! Sie begann hemmungslos zu weinen.

„Ich will das nicht! Nimm ihn weg! Nimm ihn weg, Durga!“ Verzweifelt hielt sie der Hebamme das Kind entgegen. Diese drückte Kirana den Knaben behutsam, doch gleichzeitig energisch zurück in den Arm und tröstete sie:

„Kirana, damit wird der Junge zurechtkommen können. Liebe ihn und nimm ihn an, wie er ist. Du bist keine arme Frau, dafür hat Ganesh nun wirklich gesorgt. Stimmt doch, oder? Dein Sohn wird finanziell abgesichert sein und sich Hilfe leisten können. Wirklich, es gibt viel schlimmere Behinderungen! Und überhaupt – besser einen kranken Sohn als eine gesunde Tochter.“

Durga lächelte Kirana aufmunternd zu, obwohl sie gut verstand, wie verzweifelt sie sein musste. Nicht selten war solchen Kindern nur ein Schicksal bestimmt: das eines Bettlers. Hier lag der Fall jedoch anders. Nach einer kurzen Pause fragte sie: „Ach, Kirana, welchen Namen gibst du dem Kleinen?”

Kirana sah Durga mit tränennassen Augen an. Sie lächelte nun doch ein klein wenig und sprach nach kurzem Zögern leise den Namen: „Ajit!”

Durga nickte stumm, nahm ein weiches Baumwolltuch und wickelte den Säugling darin ein.

Zaghaft kamen die Glück- und Segenswünsche der anderen Frauen. Sie verloren ihre Befangenheit und streichelten dem Knaben das kleine, schwarz behaarte Köpfchen oder strichen der Mutter aufmunternd über die Wange. Dann verabschiedeten sie sich nacheinander. Kaum schloss sich die Tür hinter ihnen, da hörte Kirana auch schon aufgeregtes Tuscheln und Diskutieren. Um rücksichtsvolles, leises Sprechen kümmerte sich nun keine mehr.

Ajit begann zu quengeln und so legte Kirana ihn an ihre Brust. Er begann gleich zu trinken – erst zaghaft, dann mit erstaunlicher Entschlossenheit – und schlief kurz darauf erschöpft ein. Obwohl Kirana am Ende ihrer Kraft war, konnte sie keinen Schlaf finden. Zu sehr bewegte sie die Angst um die Zukunft ihres Sohnes. Wie würde sein Leben aussehen mit solcher Beeinträchtigung? Sie wusste nichts darüber und versuchte sich vorzustellen, wie es zu meistern wäre. Was, wenn Ganesh sie fallenlassen würde? Er war ja noch nicht gekommen, um sein Kind zu sehen, und sie schämte sich, dass sie ihm keinen gesunden Sohn geschenkt hatte.

Sie erinnerte sich genau. Ein erwünschtes Kind war Ajit zunächst nicht gewesen. Kirana konnte sich nicht erklären, wie es zu dieser Schwangerschaft gekommen war – aber vielleicht hatte ihre Spezialmischung einmal nicht funktioniert, wie all die Jahre zuvor? Hatte die Göttin Lakshmi ihr einen Streich gespielt? Aber sie war eine nüchterne Frau, die sich nicht in der Gewalt irgendeiner hinduistischen Gottheit sah.

Mit den verstreichenden Wochen der Schwangerschaft hatten sich Kirana und auch Ganesh immer mehr mit dem Gedanken angefreundet, bald ein gemeinsames Kind zu haben.

Wenn doch nur Ganesh bald käme, hoffte sie ungeduldig. Sie wollte seine Reaktion so schnell wie möglich erleben, um dann entsprechend planen zu können. Ihr kleiner Ajit schlummerte neben ihr und sie spürte, wie sich ihr Herz nun doch langsam bei seinem Anblick erwärmte. Sie hatte große Angst: vor der Zukunft, vor Ganesh, vor allem Unbekannten.

Der Deckenventilator stand still. Es herrschte erholsame Ruhe in diesem kleinen Raum, der zu Kiranas Privatgemächern gehörte.

Sie erwachte vom Klopfen an ihrer Zimmertür. Sie musste eingeschlafen sein, denn sie hatte keine Schritte gehört. Zeitgleich regte sich nun auch Ajit, so hob sie ihn vorsichtig vom Lager neben sich und nahm ihn in ihre Arme.

„Ja bitte!“ Ihre Stimme klang unsicher.

Ganesh steckte den Kopf zur Tür herein und lächelte breit in ihre Richtung. Dann trat er mit einigen Verbeugungen ein, legte seine Handflächen aneinander und berührte Herz und Stirn zum Gruß.

„Namaste, meine Liebste!“ Mit einer gespielt überaus eleganten Drehung schloss er die Tür und betrat das Zimmer. Kirana wusste sofort, dass noch niemand mit ihm gesprochen hatte. Sie war zum Zerreißen angespannt!

Als er an ihr Bett trat und sich über sie beugte, um sie zu küssen, begann sie leise aber tränenreich zu weinen. Gleich darauf schüttelte sie ein Schauer der Verzweiflung.

Ganesh erschrak.

„Kirana, Geliebte! Warum weinst du? Ist etwas nicht in Ordnung?” Fragend sah er zu ihr und seinem Kind herab.

„Was haben wir denn da für ein hübsches Baby? Ist es ein Junge oder ein Mädchen?”

Kirana bekam zunächst keinen Ton heraus, aber dann sammelte sie sich und antwortete mit belegter Stimme:

„Wir haben einen Sohn, Ganesh. Sein Name ist Ajit.“

Schon verließ sie der Mut und sie wagte nicht, die grausame Wahrheit zu offenbaren. „Dir gefiel der Name doch auch gut, nicht wahr?”, fuhr sie deshalb fort.

Ganesh war irritiert.

„Ja, aber warum bist du so traurig? Sag mir doch, was dich bekümmert!”

Sein ernster, hilfloser Blick traf sie und sie wusste, dass jeglicher Aufschub absolut nichts bringen würde.

Vorsichtig wickelte sie Ajit aus dem weichen Baumwolltuch und zeigte ihn Ganesh. Mit großen, ungläubigen Augen sah er auf seinen Sohn und schüttelte langsam den Kopf.

„Bei allen Göttern! Kirana!”

Ganesh war fassungslos. Die gerade noch empfundene Zuneigung wich Abscheu. Übelkeit stieg in ihm auf.

„Das muss die Strafe der Götter sein“, flüsterte er, mehr zu sich selbst. Sein Blick wandelte sich von reinem Entsetzen zu unnahbarer Kälte. Wortlos drehte er sich um und ging!

Kirana hatte es befürchtet, aber jetzt, da ihr Albtraum wahr wurde, begann sie zu zittern und zu schluchzen.

„Ganesh!“, rief sie verzweifelt, obwohl er bereits fort war.

„Warum tust du mir das an? Warum lässt du uns allein? Oh, ihr Götter!“ Sie reihte Frage an Frage und überhäufte den Abwesenden mit Vorwürfen. „Jämmerlicher Versager! Schwächling! Benutzt hast du mich, mehr nicht!“

Kirana war an diesem Tag nicht in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen. Verbittert und maßlos enttäuscht über Ganeshs Verhalten überstand sie ihn, irgendwie – mit der Anteilnahme und Hilfe ihrer Kolleginnen. Das Verschwinden des Kindsvaters war ihnen nicht verborgen geblieben.

 

Ganesh lief ziellos durch die Straßen. Wie lange, würde er später nicht genau sagen können.

In seinem Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander, sodass er zunächst nichts um sich herum wahrnahm. Eine Erklärung für das Ungeheuerliche, das nun ausgerechnet ihm widerfahren war, fand er nicht. Ihm, einem vom Schicksal Bevorzugten, der in seinen vergangenen Leben bereits für sein jetziges Wohlergehen gesorgt hatte! Die Götter, deren Existenz er je nach Bedarf und Befinden angezweifelt oder hingenommen hatte, waren ihm anscheinend nicht mehr zugetan.

Bald fühlte Ganesh ein trockenes Kratzen in seiner Kehle und so sah er sich nach einem Chaiwalla um. Kaum gedacht, stieß er beinahe mit einem zusammen! Er kaufte gleich zwei Chai. Gierig trank er. Mit jedem Schluck erfrischenden Tees nahm er seine Umgebung mehr wahr.

„Wo bin ich überhaupt?“ Er versuchte sich zu orientieren. „Ach du meine Güte!“ Sein Blick fiel auf die Bettler, die am Straßenrand saßen. „Ich bin in der Nähe von Dharavi!“ Er hatte diese Gegend immer gemieden, denn hier war ein Slum entstanden, der täglich wuchs. Bombay war in kurzer Zeit durch Zuwanderung eine Millionenstadt geworden.

„Dass es so was geben kann – eine derartige Anhäufung von Elend jeglicher Natur! Furchtbar!“ Ganesh ging schleunigst weiter Richtung Mahim und Mahim-Bucht.

Unterwegs besah er sich vor allem die Bettler, die Beeinträchtigungen an ihren Gliedmaßen hatten. Schon liefen vor seinem inneren Auge Szenen ab, die ihn erschauern ließen: Ein Junge, der sich auf allen vieren mühsam vorwärts bewegte. Wie er umständlich die Treppen im Bordell herunterkroch und wie man die Nase rümpfte bei seinem Anblick! Er würde als störend empfunden werden, kein Zweifel. Ein Anblick, der das Auge eines jeden Freiers und jeder Hure beleidigt! Und das war sein Sohn!? Diese Missgeburt konnte er doch nicht akzeptieren! Oder vielleicht doch? Irgendwie? Er suchte eine Entscheidung, mit der er vor sich selbst bestehen konnte. Als er die Mahim-Bucht erreichte, atmete er durch. Der Anblick des Wassers beruhigte ihn etwas. Wie aus dem Nichts schreckte ihn plötzlich eine fremde Stimme auf:

„Du siehst betrübt aus und nachdenklich!“

Ganesh drehte sich um und erblickte einen orange gekleideten, hinduistischen Mönch, einen Sadhu!

„Wie?!“, fragte Ganesh verwirrt. „Wer bist du? Warum duzt du mich? Siehst du mir meinen Stand nicht an?!“

Er war empört! Von diesen umherziehenden Bettelmönchen hielt er nicht viel, obwohl sie von aller Welt für heilig gehalten wurden. Der Sadhu legte seine Hände aneinander und nickte.

„Namaste. Es ist schon gut! Ich rede Sie an, wie Sie es wünschen! Entschuldigen Sie, dass ich eben so persönlich wurde, aber ich fühle Ihre Seele und die spricht mit mir. Sie quält sich.“

Und da keine Antwort kam, fügte er hinzu: „Ich heiße Abhinava und ich bin seit dreißig Jahren Sadhu.“

Ganesh staunte verwirrt.

„Was soll das?! Was willst du von mir? Willst du Geld?“ Dieser Alte machte ihm etwas Angst und darum wollte er ihn schnell loswerden.

„Ich will dir helfen, deine Seele wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Wenn du mir dafür etwas geben möchtest, so nehme ich es gern an.“

Der Mönch, den Ganesh älter als sich, auf Mitte fünfzig bis sechzig Jahre schätzte, duzte ihn schon wieder. Ganesh verzichtete darauf, ihn erneut zurecht zu weisen. Er spürte ein starkes Bedürfnis, mit jemandem über seine schlimme Lage zu reden. So kam ihm der Sadhu doch ganz gelegen.

„Also gut. Da du so tust, als könntest du meine Seele hören oder sehen … Beweise mir, dass du helfen kannst. Ich denke, jeder hier kann mir ansehen, dass es mir nicht besonders gut geht.“

„Du bist in einem inneren Konflikt mit etwas“, begann der Mönch. Ganesh nickte.

„Geschäftlich, Gesundheit, Familie oder hat es mit einer Frau zu tun?“

„Frau … und Kind.“

„Sei nicht so kurz angebunden! Sprich!“

„Kann ich dir denn vertrauen?!“

„Über meine Lippen wird niemals ein Wort von dem kommen, worüber wir reden. Mit niemandem! Ich ziehe keinen Vorteil aus meinem Wissen, denn ich benötige nichts – nichts außer dem Nötigsten zum Leben und das geben mir die Gläubigen als Opfer. Hab Vertrauen.“

Ganesh seufzte tief und begann nun, dem gläubigen Mann von seinen Problemen zu erzählen. Wenige Minuten später strömte alles nur so aus ihm heraus:

„Was erwartet Kirana von mir?! Es war schwierig genug, an unserer Beziehung festzuhalten. Bis jetzt habe ich meinen guten Ruf wahren können. Dass ich regelmäßig ein Bordell besuchte, war zwar nicht geheim geblieben, aber durch meine hohe Stellung gestand man es mir zu. Ich habe vier gesunde Kinder, drei Söhne und eine Tochter, die ich gut versorge. Meine Frau kann sich ebenfalls nicht beklagen. Nichts davon will ich aufs Spiel setzen!

Was, wenn herauskäme, dass ich ein Kind mit einer Hure habe? Ein behindertes Kind noch dazu! Wird das nicht mein berufliches und gesellschaftliches Ende bedeuten?

Wäre es möglich, es geheim zu halten? Diese Beziehung und dieses Kind?“

Der Mönch hörte aufmerksam zu.

„Ich werde die Frauen bestechen, damit sie schweigen. Ich weiß, wie ich sie zusätzlich einschüchtern kann, damit wirklich keine wagt, zu reden.“

Dem alten Hindu gefielen zwar Ganeshs letzte Worte nicht, aber er war weise genug um zu wissen, dass es anders nicht ging – Moral hin oder her.

Ganesh zermarterte sich sein Gehirn und fuhr fort:

„All die Jahre, diese beglückende Zeit mit Kirana – aus, vorbei und vergessen? Ich kann ihr doch nicht einfach eine Abfindung zahlen und sie dann im Stich lassen. Mein Gewissen! Wie soll ich mich jemals wieder im Spiegel betrachten können, ohne mich in Grund und Boden zu schämen? Sie wird mich hassen – zu Recht! Ich liebe sie, auch jetzt noch, daran kann ich nichts ändern.“

Dazu mochte der Mönch nun doch etwas sagen:

„Vor aller Welt hast du Grund zur Scham, aber in erster Linie deiner Frau und deinen Kindern gegenüber.“

„Ja. Seltsam, dass ich völlig anders empfinde, Swami.“

Der Mönch nickte:

„Ich kann das gut verstehen. Ich denke, dass jeder Mensch das Beste geben sollte an dem Platz, an den er gestellt ist. Wo ist dein Platz und was ist das Beste? Du solltest dich trauen, das zu tun, was dein Herz und dein Gewissen dir sagen. Diese Frau hat sich rechtens verhalten – abgesehen davon, dass sie diesem ehrlosen Beruf nachgeht. Sie trifft keine Schuld. Sie braucht dich – und dein Kind kann zu einem vollwertigen Mann heranwachsen, wenn du es finanziell und durch deine Beziehungen unterstützt. Verhalte dich so ehrenhaft, wie es in dieser Situation möglich ist, damit die Götter nicht weiter mit dir zürnen und du im nächsten Leben nicht schlechter dastehst. Sei mutig.“

Sie redeten weiter und der weise Mann konnte Ganesh noch viele Fragen beantworten. Ganeshs Gemüt wurde frei und er fühlte sich direkt heiter!

„Hier, du Heiliger.“ Mit diesen Worten, deren humorvoller Unterton dem Mönch nicht verborgen blieb, zog Ganesh seinen Geldbeutel aus dem Gewand und beschenkte den Sadhu großzügig. „Du hast mir sehr geholfen. Ich weiß jetzt, was ich will und werde danach handeln. Danke, dass du mich angesprochen hast.“

Der Beschenkte grinste breit mit lückenhaftem Gebiss und sein gegerbtes, faltiges Gesicht erstrahlte vor Freude über das viele Geld und die netten Worte.

„Namaste! Mögen die Götter dir beistehen!“ Und leise fügte er hinzu: „Auch wenn du sie nicht ernst nimmst.“ Das hatte er sich nicht verkneifen können.

„Ja, ja.“ Ganesh machte eine entschuldigende Geste, die offensichtlich nicht ernst gemeint war. „Namaste!“ Er beugte sich nicht herab, um einen Fuß des Mönches und danach sein eigenes Herz zu berühren, was als hochachtungsvoll und ehrerweisend galt. Dazu war er zu stolz.

Er ging heim und machte in der folgenden Nacht kein Auge zu. Stattdessen lag er wach und plante sein Vorgehen. Er versuchte sich seine Zukunft mit Kirana und ihrem gemeinsamen Sohn vorzustellen und mit seiner „richtigen Familie“.

Seiner Frau blieb die Unruhe ihres Mannes nicht verborgen und so erzählte er ihr von Geldsorgen und Problemen mit einem Kunden.

Gegen Morgen stand sein Entschluss fest:

Die Liebe zu seiner wundervollen Kirana hatte gesiegt und so nahm er das Unabänderliche hin. Er musste zu ihr - sofort!

Kirana war aufgestanden und lief mit verquollenen Augen umher. Inzwischen nahmen ihre Gedanken eine positive Wendung, sie plante und formte in ihrem Kopf die Zukunft ihres Sohnes. Das lenkte sie ab und half ihr, nicht in Schwermut zu verfallen. Sie würde wieder wie früher arbeiten müssen – aber wie lange konnte sie das noch?

Sie ging in den Baderaum, um sich zu waschen. Wie schwach sie sich fühlte, besonders in den Beinen. Zuerst reinigte sie sich eilig von Kopf bis Fuß, außer im Intimbereich. Sehr vorsichtig wusch sie sich danach unten. Sie war dankbar, dass sie nur wund, aber ansonsten unversehrt geblieben war. Nachdem sie sich im Schritt mit zusammengefalteten, ausgekochten Baumwolltüchern versehen hatte, kleidete sie sich mit einem Lenga Choli und kam zurück in ihr privates Schlafgemach. Ihre Brüste spannten schmerzhaft, denn gerade war wieder Milch eingeschossen und so wollte sie als erstes Ajit stillen.

Wie angewurzelt blieb sie im Türrahmen stehen. Ungläubig blickte sie auf Ganesh, der auf der Bettkante saß und Ajits Köpfchen streichelte. Als er sie sah, erhob er sich und blickte sie entschlossen an. Kirana konnte keine Spur von Schuldbewusstsein erkennen. „Ich bin hier - bei dir und unserem Sohn“, sagte er nur.

Kiranas fragender Blick veranlasste ihn zu deutlicheren Worten:

„Ich stehe zu dir. Ich liebe dich und ...“ Er fühlte einen mächtigen Kloß im Hals. Mit bebender Stimme fuhr er fort: „Unser Sohn ist nicht gesund, das ist schade! Ich muss es so hinnehmen. Wir müssen es so hinnehmen und alles versuchen, was in unserer Macht steht, um ihm zu helfen. Ich denke, wir stehen doch allemal besser da, als die meisten Eltern mit … solchem Kind.“ Nach einer kurzen Pause fragte er: „Fehlt ihm noch etwas, das ich nicht sehen kann?”

Kirana konnte ihre Erleichterung und Freude nicht verbergen und eilte auf Ganesh zu.

„Du verlässt uns nicht und stehst zu uns? Ich bin so froh! Ich war unendlich enttäuscht von dir und habe dich verflucht, Ganesh.“

Er umarmte sie und drückte sie an sich. Seine Stimme war wieder fest und es schwang Zuversicht in seinen Worten mit:

„Ich habe mich auch verflucht. Ich brauchte Zeit. Aber nun sag mir bitte, ob unserem Sohn noch mehr fehlt als das, was ich sehen kann.“

„Das denke ich nicht, er scheint ansonsten gesund zu sein”, antwortete sie.

Ganesh beschloss, bald einen Arzt kommen zu lassen, der sich ihren Sohn genauer ansehen sollte.

„Kirana“, sprach er liebevoll, „es ist sehr schade, dass unser kleiner Schatz so ins Leben gehen muss, aber ich verspreche dir, dass ich alles Menschenmögliche für ihn tun werde, damit er ein gutes Leben haben wird. Ich werde ihn lieben, wie er ist.”

Kirana war erleichtert!

Alle Ängste verflogen für diesen Moment und Glückstränen rannen über ihr lächelndes Gesicht.

Ajit unterdessen begann zu quengeln, woraufhin Kirana sich von Ganesh löste, sich aufs Bett setzte und das Gesicht mit der Bettdecke abtrocknete. Sie öffnete ihr Choli und hob, noch immer schniefend, den Kleinen an ihre Brust. Mit der freien Hand untersuchte sie seine Windel. Sie war noch trocken.

 

Kapitel 2 – Kindheit und Jugend

 

Ajit wuchs heran. Er war, bis auf sein zu kurzes Bein, ein gesunder Knabe, der prächtig gedieh. Er war ein ausgesprochen hübsches Kind – ganz besonders angetan waren alle, die ihn genauer betrachteten, von seinen Augen. Diese Augen! Dieser Blick! Entzückend.

Ajit lernte schnell, dass er seine Mutter mit einem lieben Blick weich kriegen konnte. Nie brachte sie es übers Herz, ihm wegen eines Streiches lange böse zu sein. Den „Mausees” im Hause ging es bald ebenso. Anfänglich hatten sie den behinderten Jungen und seine Mutter allerdings gemieden. Einige Frauen glaubten, Ajits kurzes Bein sei eine Strafe der Götter. Kumari Kaur war nicht nur eine strenge, sondern auch kluge Chefin – gebildet, und keine Hindu, sie war eine Sikh und glaubte deshalb nicht an strafende Götter.

Eines Tages reichte es ihr mit den Demütigungen und dem „Aus dem Weg gehen“, welches Kirana bis dahin stillschweigend hingenommen hatte. Die wollte keinen Ärger heraufbeschwören. Kumari ließ alle Prostituierten versammelt im großen Salon antreten und hielt eine Ansprache, die ihre Damen zutiefst beeindruckte und beschämte. Kumari hätte es als Mann in der Politik weit bringen können. Das Verhalten der Frauen änderte sich. Bald hatten sie Ajit ins Herz geschlossen und immer ein Auge auf ihn, damit ihm in seinem Übermut nichts zustieß. Er spielte mit den Kindern des Hauses und konnte sich trotz seiner Behinderung recht flink fortbewegen. Er nutzte Hände und Füße dazu. Da er sich mit seinen unterschiedlich langen Beinen weder mit Dhoti noch Lunghi fortbewegen konnte, trug er weite Hosen aus Leinen oder Baumwolle.

Ajit war wissbegierig und klug. Kirana und Ganesh, der seine beiden Lieben mindestens zweimal in der Woche besuchte, hatten viel Freude an ihrem Sohn. Als dieser gut drei Jahre alt war, ließ Ganesh ihm Krücken anfertigen, damit er lernen sollte, aufrecht zu gehen. Er wollte ein guter Baba sein und mit ihm üben, aber Ajit hatte den gleichen Dickkopf wie sein Vater. Er hatte andere Interessen und wollte lieber spielen. Ganesh nahm mehrere Anläufe und wurde am dritten Tag wütend! Er mochte Ajits Desinteresse nicht länger akzeptieren. Im luftigen, kühlen Innenhof wollte er nun endlich die Übungen mit seinem Sohn beginnen.

„Ajit! Schau her! Komm. Komm zu mir!  … Du sollst herkommen, hab ich gesagt! Los jetzt, komm und übe! Du musst kämpfen, Junge! Hart dafür kämpfen!“ Ajit ignorierte die Aufforderungen, weil eine Taube, die im Innenhof umherflatterte, seine volle Aufmerksamkeit genoss. Ganesh wurde ungehalten. Er griff sich seinen Sohn, riss ihn hoch und schüttelte ihn! Dann drückte er ihm die Krücken mit Gewalt unter die Arme und schrie ihn an:

„Geh! Geh, sage ich! Du sollst gehen, verdammt nochmal, Ajit! Versuche es, los!“ Er schimpfte und tobte, ermunterte dann wieder und beschwor den Kleinen immerzu  – ohne Erfolg. Ajit weinte und litt unter dem Druck seines Vaters.

„Ich will das nicht lernen, Baba! Bitte, Baba! Blöde Krücken  – die tun weh unter meinen Armen!“ Dicke Tränen kullerten über seine runden Wangen.

Niemand konnte ihn dazu bewegen, die hölzernen Dinger unter seine Arme zu klemmen und gehen zu üben. Er weigerte sich standhaft, es auch nur mal kurz auszuprobieren. Kirana hatte Verständnis für ihren Sohn.

„Warum behandelst du Ajit so, Ganesh?! Merkst du nicht, dass du ihn quälst?“, hielt sie ihm vor.

Ganesh, enttäuscht von seinem missglückten Versuch, vermisste Kiranas Unterstützung:

„Sei du bloß still! Dein weiches Mutterherz ist zu keinem vernünftigen Handeln fähig! Er verweichlicht, wenn du ihn immer nur in Schutz nimmst. Er muss lernen, an Krücken zu gehen – oder willst du ihn immer wie ein Tier über den Boden kriechen sehen? Das ist so unwürdig, verdammt nochmal!“

„Aber er ist noch klein! Hab doch Geduld mit ihm, bitte!“

„Du fällst mir in den Rücken?! Ah!“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung und ließ sich auf keine weitere Diskussion ein.

Kirana beklagte still Ganeshs rohe Art und Weise, mit der er Ajit behandelte. Ihr Einfluss auf ihn war diesbezüglich leider zu gering.

Ganesh beschwor Ajit immer wieder, hart gegen sich selbst zu sein. Er sollte lernen, Misserfolge hinzunehmen und sich nicht entmutigen zu lassen.

Bald gab er es jedoch auf und verschob die Sache auf später – vielleicht war Ajit wirklich noch zu klein, um zu verstehen, wie wichtig ein aufrechter Gang für einen Menschen war – auch wenn der nur an Krücken gelang. Er ließ die Angelegenheit vorerst auf sich beruhen.

Dann endlich, nach ungefähr sechs Wochen, war es doch soweit! Ajit hatte sich unbemerkt die Krücken genommen und übte allein, ohne Beisein einer helfenden Hand, mit ihnen zu gehen. Lavali bekam diese Versuche zufällig mit und erzählte es atemlos der überraschten Mutter:

„Kirana! Komm schnell mit – ich muss dir etwas zeigen! Etwas, worüber du dich sehr freuen wirst!“

Kirana folgte Lavali aufgeregt zum Innenhof, wo Ajit noch immer mit den Krücken hantierte. Beide blieben im Schutz der bodenlangen Vorhänge verborgen, er sollte nicht bemerken, dass sie ihn beobachteten. Zutiefst gerührt und überglücklich sah Kirana ihrem Sohn zu. Obwohl sie am liebsten zu ihm gelaufen wäre, um ihn bei seinen teilweise hilflos wirkenden Aktionen zu unterstützen, riss sie sich zusammen und ließ ihn allein gewähren. Sie wusste, dass es so am besten war.

Lavali, die hinter Kirana stand, freute sich mit ihr. Bald würde sich Ajit aufrecht durchs Haus bewegen!

Zwei Tage später ging Ajit wie selbstverständlich im Laubengang an seiner Mutter vorbei, so, als hätte er sich nie anders fortbewegt. Sie sagte nichts und schüttelte schmunzelnd den Kopf. Ajit drehte sich halb um und grinste sie schelmisch an.

„Ich bin schnell und du kriegst mich nicht, wenn du mich fangen willst, ha ha!“

Kirana gefiel das:

„Stimmt! Ich glaube, ich nehme dir die Dinger wieder weg“, neckte sie ihn zurück.

„Nein, nein, nein! Ich geb sie nicht her und halt sie fest! Ich bin stark und schon ganz groß!“

Ajit hatte die Vorzüge des aufrechten Gehens schnell zu schätzen gelernt und konnte sich jetzt viel länger und öfter in seiner vollen Größe präsentieren. Er war stolz! Nicht weniger stolz waren Ganesh und Kirana.

 

Die Kinder des Hauses wurden von zwei „Ehemaligen” betreut. Sie hatten sich entschieden, Kumaris Angebot anzunehmen und weiterhin im Bordell zu wohnen, um eben diese Aufgabe zu erfüllen. Für die Kinder waren sie liebe Großmütter, „Daadies“, die sich bemühten, ihnen Benehmen beizubringen.

Kumari tat dies nicht aus Selbstlosigkeit und Güte. Sie hatte sich ausgerechnet, dass die Mütter, die ihr allesamt gute Einnahmen brachten, schneller und fast im vollen Umfang wieder einsatzbereit waren, wenn sie ihre Kinder gut versorgt wussten.

Kamen ihre Prostituierten langsam in die Jahre, so händigte Kumari ihnen ihr Erspartes aus. Dieses hatte sie Jahre zuvor, bis auf ein gutes Taschengeld, zinsbringend für sie angelegt.

So waren die Frauen in späteren Jahren vor dem Schicksal der Armut bewahrt. Für ein bescheidenes Auskommen war gesorgt – je nachdem, wie sie mit dem Geld umgingen. Aber das war nicht mehr Kumaris Angelegenheit.

 

Ajit wuchs heran. In erster Linie wurde er von seiner Mutter und den „Daadies“ erzogen. Sein strenger Vater kam meistens zweimal in der Woche zu ihnen und mischte sich dann in die Erziehung ein – zum Leidwesen seiner Mutter. Für Ajit war es Normalität, dass die Prostituierten – seine „Mausees“ – täglich ab dem Nachmittag mit unterschiedlichen Männern kichernd und flüsternd oder vor gespieltem Vergnügen juchzend in ihren Gemächern verschwanden. Die erotischen Abbildungen, die es auch außerhalb der Gemächer seiner Mutter gab, fand er sonderbar – aber hübsch. Er hatte sich erklären lassen, was sie zu bedeuten hatten und fand die Tatsache, dass Männer und Frauen gerne solche Sachen mit ihren Körpern anstellten, eher komisch. Niemals hatte er eine der Frauen oder ihre Freier nackt gesehen. Einerseits, weil die Kinder sich zu den Geschäftszeiten nur im hinteren Teil des Gebäudes aufhalten durften und ihre Mütter höchstens heimlich durch die Fenster des Salons beobachteten, aber auch, weil in diesem Kotha außerhalb der dafür vorgesehen Räume Wert auf Anstand gelegt wurde. Dessen Grenzen lagen allerdings ziemlich tief – anzügliches Gerede und offenherzige Bekleidung der Frauen waren Teil der Arbeit und auch manch „deftiger Handgriff“ seitens der Freier oder der Huren gehörte dazu.

Die Kinder vergnügten sich hinten bei ihren „Daadies“. Ajit spielte am liebsten mit geschnitzten Holztieren, die er nach und nach geschenkt bekam. Es wurden immer mehr. Er mochte es besonders, wenn er ausnahmsweise im Wohn- und Arbeitszimmer seiner Mutter bleiben durfte – dieses während der Öffnungszeiten des Kothas zu verlassen war aber schwierig, da das nur heimlich und unentdeckt geschehen durfte. Gerne spielte er gemeinsam mit Mala, der Tochter Lavalis, die nur ein gutes Jahr jünger war als er. Einmal sammelten die beiden dafür Blumen aus den Blumenarrangements im Hause und holten sich Steine von draußen. Dann nahmen sie sich Kiranas Schmuckkästchen und nutzten dessen glitzernden Inhalt zum Bau eines „Löwenmaharadscha-Palastes“ – das zog großen Ärger nach sich!

Wenn sein Vater seine Mutter besuchte, musste Ajit auf jeden Fall bei den Daadies warten. Kirana hatte ihm mit einfühlsamen Worten den Grund erklärt – trotzdem gefiel ihm das gar nicht, weil er sich ausgeschlossen fühlte. Er wollte seine Maa nicht mit seinem Baba teilen.

Ganesh befürchtete, dass Ajit verweichlichen könnte. Der Einfluss der vielen Frauen schien ihm ungesund zu sein. Es entwickelte sich daraus ein Erziehungsstil, mit dem er seinen Sohn häufig quälte.

Im Bordell waren Süßigkeiten selten. Kumari wollte vermeiden, dass ihre Frauen zu dick wurden. Ajit kam daher auch kaum in den Genuss süßer Köstlichkeiten, die er wie jedes Kind sehr liebte. Eines Tages verlangte Ganesh von Kirana, dass sie Ajit keine Mittagsmahlzeit gab.

„Was soll das?“, fragte sie verwundert.

„Ich will, dass er anfängt, Selbstbeherrschung und Disziplin zu üben.“

„Mit sechs?“

„Dafür ist es nie zu früh, aber schnell zu spät!“ Ganesh klang entschlossen. Sein Wille stand im Raum wie ein steinernes Monument – daran war nicht zu rütteln. Sie musste gehorchen, eine Wahl hatte sie nicht – außer sie riskierte, ihren Ernährer zu verlieren. Sicher – sie könnte sich in wenigen Jahren, wenn sie zu alt für diese Arbeit war, von Kumari auszahlen lassen und mit Ajit fortgehen – dann hätte sie jedoch nicht das Geld gehabt, um ihn einen guten Beruf lernen zu lassen. Ihr Sohn sollte ein besseres Leben führen.

Kirana fühlte sich furchtbar – tat aber wie befohlen.

Am Nachmittag fand Ganesh seinen Sohn spielend auf dem Teppich neben dem großen Bett im Wohnraum. Der Kleine zog sich am Bett hoch, als sein Vater eintrat und grüßte höflich.

„Namaste, Baba.“

„Namaste.“ Ganesh ging zum niedrigen Tisch und stellte wortlos eine silberne Schale, gefüllt mit Gulab Jamun, darauf. Ajits Augen wurden groß vor Freude!

„Oh! Baba! Darf ich davon essen?“ Er war schon nahe herangekrochen und der Duft ließ ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen.

„Nein, Ajit. Das darfst du nicht. Noch nicht. Erst morgen Nachmittag. Ich gehe jetzt und vertraue dir, dass du dich beherrschst und nichts davon isst.“ Ajit blickte seinen Vater enttäuscht an. Die Kugeln schmeckten frisch gewiss am besten!

„Du hast mich doch verstanden, oder? Ajit?!“, fragte Ganesh in einschüchterndem Ton. Sein kalter, scharfer Blick ließ keine Widerrede zu. Ajit nickte und antwortete kleinlaut:

„Ja, Baba.“

Als sein Vater den Raum verlassen hatte, setzte Ajit sich wieder an seinen vorherigen Platz und spielte weiter – so recht konzentrieren konnte er sich natürlich nicht. Er überlegte. Dann, nach endlosen Minuten, krabbelte er zur Silberschale. Mit flinken Fingern hob er die oberen Milchkugeln herunter und legte sie vorsichtig daneben. Er nahm von den darunter liegenden eine nach der anderen und biss ein Stückchen ab – oh, wie herrlich, wie köstlich! Wie weich und süß! Er genoss jeden Bissen und vergaß für den Augenblick seinen Vater. Ebenso schnell legte er die angebissenen Kugeln geschickt mit der verräterischen Seite nach unten wieder in die Schale zurück und verteilte die unversehrten obenauf.

Tags darauf meldete sich sein schlechtes Gewissen. Je näher der Nachmittag kam, desto größer wurde seine Angst.

Auch seine Mutter fühlte sich elend, weil sie nichts unternommen und diesen Versuch zugelassen hatte – sie ahnte zu diesem Zeitpunkt nicht, dass das erst der Anfang einer Reihe solcher Abhärtungsmaßnahmen werden sollte.

Ganesh kam und kontrollierte die unberührt scheinenden Süßigkeiten. Er hob eine hoch und vergewisserte sich ihrer Vollkommenheit, danach besah er sich die nächste. Kirana hielt die Luft an – so angespannt war sie.

„Ajit, du machst deinem Vater alle Ehre. Ich bin stolz auf dich.“ Mit diesen Worten nahm er die Schale und hielt sie Ajit hin. „Nun nimm dir davon, mein Sohn. Du hast es dir verdient.“

Zögernd nahm Ajit eine Kugel herunter.

„Danke Baba“, flüsterte er und zog den Kopf zwischen die Schultern.

„Nimm mehr! Na los! Iss so viel du schaffst.“

Vorsichtig nahm Ajit noch zwei. Kirana musste sich ebenfalls bedienen und erwischte ein angebissenes Exemplar – sie erschrak, erkannte die Gefahr und ließ es schnell in ihrem Mund verschwinden. Als Ganesh sich als letzter ein Gulab Jamun nahm, bekam er auch so eines! Er starrte eine Weile darauf und untersuchte eilig die verbliebenen Milchbällchen. Kirana sah förmlich, was in seinem Kopf vorging. Sie schnappte sich Ajit, klemmte ihn sich unter den Arm und wollte fliehen, aber Ganesh war zu schnell. Schon ergriff er sie, entriss ihr den Jungen, stieß sie von sich und schlug heftig auf Ajit ein. Blind vor Zorn achtete er nicht darauf, wohin er traf und so bekam das Kind am ganzen Körper seine brutale Hand zu spüren! Während Ganesh das tat, brüllte er seine Enttäuschung heraus und belehrte Ajit unaufhörlich:

„Du … musst … dich beherrschen lernen! Sei hart gegen dich selbst! Verzeihe dir nichts! Kämpfe! ... Disziplin, Ajit! ... Dir wird das Wort Selbstbeherrschung in Fleisch und Blut übergehen, dafür werde ich schon sorgen!“

Nachdem er diesen Schwall von Lebensparolen losgeworden war – von denen Ajit kaum etwas verstanden hatte – ließ er von dem Jungen ab. Er stand atemlos da und knetete seine schmerzende Rechte. Kirana nahm Ajit auf den Arm und beide weinten.

„Ja, ja. Das ist doch typisch. Du bist zu weich, Kirana!“ Ganesh schüttelte missbilligend den Kopf und ging zur Tür. Bereits im Gehen wandte er sich noch einmal an seinen Sohn:

„Ajit, du enttäuschst mich nie mehr auf diese Art. Wage es nicht ein zweites Mal. Verstanden? Wage es bloß nicht!“ Mit diesen Worten verließ er die beiden.

 

Als Ajit sieben Jahre alt war, besorgte Ganesh einen Privatlehrer für ihn. Er wollte, dass er, wie auch seine anderen Kinder zuhause, nicht Analphabet blieb. Lesen und Schreiben, Mathematik, Geschichte und Englisch – die Sprache der Kolonialherren – lagen Ganesh am Herzen. Schnell stellte sich heraus, dass Ajit nicht auf den Kopf gefallen war und mit Leichtigkeit zu lernen vermochte. Nur wenn der Lehrer ihn mit langweiligen Geschichtsdaten quälte, wurde der Junge unaufmerksam und träumte vor sich hin.

Er mochte nicht draußen in den Straßen des Stadtviertels spielen, wie die anderen Kinder. Er hatte die traurige Erfahrung machen müssen, als „verkrüppelter Hurensohn” beschimpft, geschlagen und verspottet zu werden – nicht von den Kindern des Bordells, aber von denen aus der Nachbarschaft. Vieles wollte und konnte er ohnehin nicht mitspielen. Obwohl er geschickt und sehr flink mit den Krücken lief, war er doch längst nicht so schnell wie die gesunden Kinder. Sein intensiver, betörender Blick half ihm da nicht weiter. Am besten verstand er sich mit Mala. Sie hielt immer zu ihm und nur selten gab es Streit. Ansonsten war Ajit ein eher in sich gekehrtes Kind, das seine Eltern oft mit erstaunlichen Fragen überraschte:

„Woraus besteht die Sonne, Baba?“ – „Wer macht, dass ein Baby ein Junge oder ein Mädchen wird?“ – „ Maa, warum wird die Haut zu groß und macht Falten, wenn man alt wird?“ – „Woher weiß der Monsun, wann er regnen soll?“

Kirana und Ganesh konnten oft keine Antwort geben – und selbst der Lehrer musste nicht selten passen.

„Was geht nur in seinem Kopf vor?“, fragte sich Kirana dann.

Einerseits freute sie sich sehr an ihrem klugen, nachdenklichen Sohn – andererseits fand sie es schade, dass sie viel zu selten sein unbeschwertes Kinderlachen hörte. Ajit ließ sich Kummer nur selten anmerken. Er war tapfer und hart gegen sich selbst – wie sein Vater es stets von ihm verlangte.

Schwierig war für alle drei, dass Ajit Ganesh in der Öffentlichkeit nicht mit „Baba“ anreden durfte sondern nur mit „Mausa“ – Onkel. Es war dumm und fahrlässig gewesen, ihn seinen Vater nicht von Anfang an „Mausa“ nennen zu lassen. Sie bemerkten diesen Fehler zu spät und so kam es einige Male zu peinlichen Zwischenfällen. Peinlich für Ganesh, dessen guter Ruf dadurch in Gefahr gebracht wurde.

 

Ajit war gut zehn Jahre alt, als sich etwas zutrug, das seine Eltern und ihn nachdenklich machte und anfänglich verstörte:

Eine „weise Frau”, die ein großes geheimes Wissen und Kenntnisse der Astrologie besaß, durfte auf das Bitten der Huren hin das Bordell betreten und ihnen die Zukunft voraussagen.

Kirana wollte dieses nicht in Anspruch nehmen und saß nur aus Langeweile mit Ajit im großen Salon, wo die Frau sich befragen ließ. Als sie Ajit zufällig erblickte, zuckte sie zusammen. Mit hochgezogenen Augenbrauen und interessiertem Blick forderte sie ihn auf, näher an sie heranzutreten, was er neugierig tat.

„Sieh mich an, mein Junge! Jaa, schau mir in die Augen!” Ajit gehorchte.

„Deine Augen, Kind! Deine Augen! Wärst du ein Sohn aus gutem Hause und gesund, so wären diese Augen ein Geschenk des Himmels! ... Aber so?!” Sie senkte die Stimme und schielte prüfend zur Mutter des Jungen herüber. Ihr Blick wurde mitleidig. Sie beugte sich herab und raunte ihm zu: „Aber so werden sie dir zum Fluch werden!”

Kirana sprang erschrocken und entrüstet auf und zog Ajit unsanft von der alten Frau fort.

Als Ganesh am Abend kam, erzählte sie ihm von dieser Weissagung. Eigentlich waren weder Ganesh noch Kirana abergläubisch, aber verunsichert waren sie nun doch!

Kurz vor seinem elften Geburtstag beendete Bharati ihre Zeit im Bordell. Sie hatte neben Kirana gewohnt und nun wurden ihre Gemächer frei. Da diese aus drei Räumen bestanden, konnte Kirana tauschen und ihrem Sohn ein eigenes Zimmer herrichten! Welch ein Luxus! Ajits Freude darüber war groß – und das zeigte er auch.

 

Mit zwölf kam Ajit langsam in die Pubertät und nun begann er, die Bilder, die an den Wänden hingen, mit anderen Augen zu sehen – er fand die Darstellungen peinlich.

„Maa, bitte nimm die Bilder ab – die sind doch blöd“, bat er Kirana eines Tages. Sie verstand seine neue Einstellung.

„Die Darstellungen sind nicht blöd, Ajit. Deine Sicht hat sich geändert, weil du langsam ein junger Mann wirst. Erwachsen zu werden verunsichert jedes Kind. Du merkst, dass dich das alles doch mehr berührt als früher – ist es so?“

Ajit nickte.

„Ja Maa, aber ich will nicht mit dir darüber reden, das ist ja peinlich!“

Kirana beließ es dabei.

Mit vierzehn war aus dem unbekannten Ahnen eindeutige Gewissheit geworden. Ajit suchte nach Möglichkeiten, die eine oder andere Hure heimlich zu beobachten, um einen Blick auf ihren nackten Körper zu erhaschen oder um zu erfahren, wie der sexuelle Akt in der Realität ablief – dieser verbotene „Anschauungsunterricht“ beeindruckte ihn nachhaltig … Die unnatürlichen Darstellungen auf den Bildern waren für ihn inzwischen kitschig bis albern.

Ihm gefielen Frauenkörper – die Rundungen ihrer Hüften und Hintern, ihre Brüste – egal ob klein, ob groß, ob prall oder weich, die flachen oder leicht gewölbten Bäuche, ihre schmalen Fesseln, die gepflegten, mit Henna verzierten Hände und Füße und ihre in Form rasierte Scham. Erste schüchterne Erfahrungen durch gegenseitiges Anschauen und zaghaftes Berühren sammelte er mit Mala.

Bald kam Ajit in den Stimmbruch. Mit größtem Erstaunen bemerkte Kirana, dass Ajits Stimme viel tiefer wurde, als sie jemals gedacht hätte! Woher nahm ihr Sohn den dafür notwendigen Resonanzraum? Hörte man ihn reden, ohne ihn zu sehen, so konnte man glauben, ein großer, kräftiger Mann würde etwas von sich geben. Es klang nicht unangenehm – im Gegenteil! Nur sehr fremd für eine Mutter, die mit der Geschwindigkeit des Erwachsenwerdens ihres Sohnes nicht zurechtkam.

An Diwali, dem höchsten Feiertag der Hindus, ereignete sich etwas in dem vornehmen Bordell, was Kirana zutiefst erschütterte. Eigentlich war nicht mit Freiern zu rechnen – wer würde an so einem Tag ein Kotha aufsuchen? Kirana feierte mit ihren Kolleginnen und Ajit im großen Salon und aß in fröhlicher Runde ein erlesenes Festmahl. Da sie in der Nähe der Tür saß, hörte sie trotz der Musikanten und der Lautstärke des ausgelassenen Stimmengewirrs ein energisches Klopfen. Erst entschloss sie sich, es zu überhören, aber als sie erneut das Klopfen vernahm, erhob sie sich und ging durch den Vorraum zur großen Eingangstür. Sie öffnete ein kleine Türchen, welches sich in Kopfhöhe befand.

„Namaste. Was wünschen Sie?“

Die Stimme eines offensichtlich angetrunkenen Mannes erklang:

„Namaste! Ich brauch eine Frau. Sofort. Geld spielt keine Rolle.“

Kirana überlegte. Gute Einnahmen waren Kumari wichtig. Die Feierlichkeiten wollte sie keinesfalls unterbrechen und so entschloss sie sich, ohne Kumari zu fragen – mit ungutem Gefühl – die große Tür zu öffnen. Vor ihr stand Herr Kirshan Sharma! Ein zur traditionellen Elite gehörender, in der Gegend bekannter Jurist! Von der Kastenzugehörigkeit her ein Brahmane!

„Welche Ehre, Herr Sharma. Bitte, treten Sie ein.“

„Ich brauch eine Frau.“ Wiederholte er mit schwerer Zunge.

„Natürlich. Sofort. Bitte warten Sie einen kleinen Moment, ich hole eine hübsche Kollegin.“

„Sie sind mir hübsch genug. Los jetzt.“