"Kunst und Freiheit" - Kurzgeschichte

 

„Soll ich das Bild mit dem Sonnenuntergang auch noch mitnehmen?“, Ihr Mann, der ihre Aquarelle bereits im Kofferraum verstaute, nickte.

„Alles so, wie du magst, Geliebte! Mir gefällt jedes deiner Bilder.“

Sie hatten es nicht weit und bogen kurz darauf in die Auffahrt der Pfarrscheune ein. ‚Dörfer zeigen Kunst‘ prangte über dem Tor.

Zwei Stunden später begutachtete sie ihre Werke, die sie gemeinsam mit ihm aufgehängt hatte.

„Sieht wunderbar aus, danke für deine Hilfe.“

Er trat neben sie und legte seinen Arm um ihre Schulter.

„Meine große Künstlerin.“

„Ach was.“

„Doch.“

Sie küsste ihn auf die Wange. „Danke.“

„Also dann bis später, Geliebte. Ich komme dich gegen achtzehn Uhr dreißig abholen.“

 

Aufgeregt ging sie herum und beobachtete die weiteren Künstler und ihre Helfer, von denen zwei noch dabei waren, ihre Werke ins rechte Licht zu rücken. Einige Gemälde besah sie sich eingehend. Beeindruckt kehrte sie an ihren Platz zurück.

Sie hatte ihn gar nicht bemerkt. In Holzfällerhemd und zerknitterter Lederweste stand er, mit vor der Brust verschränkten Armen, hoch aufgerichtet und breitbeinig vor ihrem ‚Herbst im Lauenburgischen‘. Er legte den Kopf schräg. Sie trat hinter ihn.

„Hübsch, hübsch. Geradezu idyllisch.“

„Oh, danke.“

Er lächelte süffisant.

Sie räusperte sich und rieb sich unsicher über ihren Nacken.

„Es gefällt Ihnen nicht?“

Er drehte sich ganz zu ihr um. Sie hielt seinem abschätzenden Blick stand.

„Nun ja. Ich lege eher Wert auf die wirkliche Kunst, die Freiheit der Kunst, nicht das Bemühen, die Natur realistisch abzukupfern.“

Sprachlos starrte sie auf die hochgezwirbelten Spitzen seines kleinen, grauen Schnauzbartes.

Sie schluckte zweimal, um den Kloß im Hals loszuwerden.

„Das ist zum Glück Geschmackssache. Sie stellen auch hier aus?“

„Ja. Dort hinten.“ Er zeigte auf seinen Bereich. Dann tippte er mit dem Zeigefinger an seinen Lederschlapphut und machte sich auf in die Richtung, in die er eben gewiesen hatte.

‚Blödmann.‘ Ihr Blick richtete sich erstaunt auf sein Hinterteil. ‚Warum lässt er seine ausgebeulte Jeans dermaßen tief hängen?‘

Die Stunden vergingen. Der Andrang hielt sich in Grenzen, so dass sie neugierig nun auch seinen Bereich aufsuchte. Er stand gemeinsam mit zwei Kunstinteressierten vor einem seiner Ölgemälde und ließ sich lebhaft darüber aus.  Sie hatte das Bild bereits aus der Entfernung gesehen – dunkelblauer Hintergrund, darauf bunte Punkte und Striche. Letztere konnte sie nicht als Linien bezeichnen, dazu waren sie zu flüchtig auf die Leinwand geworfen.

Sie gesellte sich dazu. Er registrierte es und fuhr unbeirrt fort:

„Ja. Was Sie hier sehen, ist ein Werk der Freiheit! Es trägt den Titel ‚Garten der Selbstbestimmung‘! Die Freiheit des Künstlers drückt sich in den Formen und Farben aus, die eine lockere, fast heitere Verbindung zueinander aufnehmen. Ich habe die Natur aufs Rudimentärste heruntergebrochen und lasse sie als ein Ahnen im Raum stehen.“

„Beeindruckend“, sagte sie trocken.

„Ja, wirklich beeindruckend“, bestätigte ein Herr, der sich nach ihr umdrehte und ihr lächelnd zuzwinkerte.

Der „freie Künstler“ schien immun gegen Ironie und erzählte mit lebhafter Gestik und funkelnden Augen weiter – von seiner Berufung, seinen Gefühlen, den Beziehungen der Farben untereinander und deren Wirkung auf die Gesamtkomposition.

Sie wollte gerade ‚lächerlich‘ sagen, aber im selben Augenblick spürte sie etwas wie Neid – auf seine überschwängliche Begeisterung und Hingabe.

„… Freiheit das Höchste und Wichtigste für einen Künstler!“, beendete er seinen Monolog.

„Ich male zwar völlig anders als Sie, aber ich fühle mich auch frei. Außerordentlich frei. Ich habe mein eigenes, kleines Atelier, das gelegentlich als Gästezimmer herhalten muss und … meine Familie unterstützt mich und steht hinter meiner Kunst.“

„Ah, die Dame, die so hübsch malt. Ist ja auch ein nettes Hobby.“

„So ist es. Ich muss nebenbei noch einem ganz normalen Job nachgehen.“ Sie verabschiedete sich mit einem Nicken und ging erhobenen Hauptes wieder zu ihren Bildern.

‚Immerhin habe ich heute ein kleines Bild verkaufen können. Fünfunddreißig Euro – haben, oder nicht haben.‘

Kurz vor Beendigung des Ausstellungstages trat sie vor das Scheunentor und steckte sich eine Zigarette an.

„Richtig so. Ab jetzt können wir entspannen.“

Der ‚freie Künstler‘ hatte sich bereits eine letzte Auszeit genommen und blies den Rauch mit seitlich verzogenem Mund in ihre Richtung.

Sie lächelte nur müde.

„Ja, ja.“

Eine feine, in edlem Kostüm gekleidete Dame mittleren Alters kam übers Kopfsteinpflaster auf sie zu gestöckelt. Aufgeregt erhob sie die Arme und machte eine vorwurfsvolle Geste Richtung ‚freier Künstler‘.

„Bärchen! Was stehst du noch hier herum?! Ich habe den Tisch zu um neunzehn Uhr bestellt. Und du musst dich vorher noch umziehen, oder glaubst du, ich nehme dich so mit zum Italiener?!“

Seine abstehenden Ohren färbten sich rot. Er trat die Zigarette aus.

„Wo ist deine Tasche? Du bist ja noch nicht einmal fertig!“

„Ich hol sie schon.“

Er verschwand im Innern der Scheune.

„Na endlich, nun aber los!“, empfing ihn die Dame.

Er hielt seinen Blick gesenkt, sah sie dann aber doch kurz an.

Da war kein Anflug von Schadenfreude in ihrem Gesicht! Nein, ehrliches Mitgefühl! Sie lächelte ohne Falsch.

Er griff der Dame an den Unterarm und schob sie Richtung Straße. Nach wenigen Metern ließ er sie los, hielt inne und machte Kehrt.

Seine grauen Augen glänzten, als er vor ihr stand und ihr seine Rechte entgegenstreckte.

„Übrigens, ich heiße Reinhard. Und Sie malen wirklich sehr hübsch.“

Sie drückte seine Hand – feste.

„Svenja … und Sie malen wirklich sehr frei.“

Sie grinsten sich an. Die Dame rief wieder nach ‚Bärchen‘. Er verdrehte die Augen.

„Dann bis morgen.“

„Ja, bis morgen.“ Und schon folgte er dem Ruf der Dame.