"Ich lebe!" - Kurzgeschichte

 

„... und jetzt wieder ein Hörerwunsch! ACDC mit „Thunderstruck“. Wir rocken Sie in den Feierabend …“
Er drehte die Lautstärke des Radios auf und drückte das Gaspedal runter. Die Tachonadel schnellte auf 180.
„Thunder! … Nanananaaa nananaa nana Thunder …!“, grölte er mit und war bester Laune. In einer Stunde würde er zuhause sein.
„He! Aus dem Weg! Na, den schnapp ich mir auch noch.“ Er zog an dem BMW vorbei.
„… Lalalaa highway! Lalalalaaa lalaa, nananaa town! Didada Texas, ja Texas, lalalaa fun …!” Er kannte den Text eigentlich in- und auswendig, gab sich aber keine Mühe, ihn anständig mitzusingen.
‚Wenn das Projekt nächste Woche durch ist, gibt’s ‘ne fette Provision. Viel Arbeit bringt mir eben auch viel.‘
Er fühlte sich fantastisch. Seine Frau würde stolz auf ihn sein.
„… dadadidadada knees! Du du du du, laladidadada please …du du du du. Nanana nananaa …!”
Wieder ein Auto vor ihm, das zu langsam unterwegs war. Er überholte und blieb auf der linken Spur.
Weit gestreckte Linkskurve. 220 Stundenkilometer. Er jagte dahin, er flog. Sein Dienstwagen klebte am Asphalt.

Dann plötzlich, wie aus dem Nichts war es da – fuhr direkt auf ihn zu! Mit einem Schrei riss er das Lenkrad nach rechts, der Entgegenkommende huschte wie ein Schatten an seiner Fahrerseite vorbei. Hinter ihm quietschende Bremsen. Kurzes Schlingern, dann hatte er seinen Wagen wieder unter Kontrolle. Das war glimpflich abgelaufen!
Sein Atem ging stoßweise, seine Hände zitterten, sein Körper vibrierte und sein Herz hämmerte bis in die Schläfen! Er zog den Kopf ein in Erwartung eines unvermeidlichen Knalles. Jetzt würden gleich Menschen sterben!
„Oh Gott! Oh Gottohgottohgott!! Oh, mein Gott! Ich lebe! Ich … lebe!”
Er hörte nichts, nur die Stimme Brian Johnsons und minderte die Lautstärke.
„Wir unterbrechen für eine Verkehrswarnung: Auf der A 7 ist ein Falschfahrer unterwegs. Er wurde auf der Höhe Nörten-Hardenberg gesichtet und fährt Richtung Göttingen. Bitte fahren sie rechts und überholen Sie nicht. Wir melden, wenn die Gefahr vorüber ist.“

Er sah das Raststättenschild und fuhr kurz darauf auf den Parkplatz. Der Motor verstummte. Er legte seine Arme über das Lenkrad und seinen Kopf dagegen. ‚Oh, Mann. War das knapp!‘ Er verspürte unbändigen Durst.
Die halb gefüllte Mineralwasserflasche leerte er in einem Zug, dann stieg er aus. Seine Beine erlaubten ihm keinen festen Stand, und so lehnte er sich an den Wagen.
Die Autos rauschten unbeeindruckt weiter an ihm vorüber, als wäre nichts geschehen. Er schloss die Augen und lauschte. Verhaltenes Vogelgezwitscher. Wortfetzen einer Unterhaltung. Kinderstimmen. Ein Lachen. Er hob den Kopf, öffnete die Augen, atmete tief ein und fühlte sich plötzlich unglaublich lebendig. ‚Dass ich hier stehe, ist ein Geschenk.‘
Zuhause angekommen, öffnete er die edle Tür des schmucken Einfamilienhauses.
„Ich bin da!“, rief er, kaum, dass er den Flur betreten hatte. Seine Frau erschien lächelnd im Türrahmen.
„Hallo mein Schatz. Wir können gleich essen, es gibt gebratene Forelle, Rosmarinkartoffeln und Salat.“
Er stürmte auf sie zu, riss sie an sich und hielt sie fest in seinen Armen.
„Oh, meine Liebste! Meine wunderbare, allerallerliebste Frau, du!“
„Huch! Was ist denn mit dir los?“, fragte sie lachend und drückte ihn ebenso.
„Ich lebe!“
Sie machte sich von ihm los und blickte ihn ernst an.
„Warum sagst du das?“
„Weil ich so glücklich bin! Unfassbar glücklich. Vom Schicksal beschenkt … ich lebe!“ Dann erzählte er ihr von seinem schrecklichen Erlebnis auf der Autobahn.
„Mein Gott!“ Sie hielt sich beklommen die Hand vor den Mund.
„Wo sind die Mädchen?“
„Wie?“
„Die Mädchen.“
„Oben, fernsehen.“
Er eilte zum ersten Jugendzimmer, die Tür stand offen.
„Anna!“
Irritiert ob der Begeisterung in seiner Stimme sah sie erstaunt zu ihm herüber.
„Hallo Papa.“
Schon zog er sie hoch von ihrem Sessel und umarmte sie inniglich.
„Hä?“
„Meine liebe, süße Anna! Weißt du, wie lieb ich dich habe?“
„Äh, … ja?“
„Hallo Papa!“ Die zweite Tochter stand neben ihnen, dahinter, lächelnd, seine Frau.
„Marie!“ Er ließ Anna los und drückte seine Älteste an sich.
„Meine große, wunderbare Tochter! Ich hab dich ja sowas von lieb!“
„Ich dich auch.“
Noch einmal erzählte er von seinem Beinahe-Zusammenstoß mit dem Geisterfahrer.
„Dass ich lebe, ist so wunderbar! Ich bin unendlich dankbar.“
„Wir auch, Papa“, sagte die Jüngere. „Aber nicht, dass du jetzt alles hinschmeißt, um im brasilianischen Regenwald irgendwelche Ureinwohner zu retten.“
„Keine Angst. Ich bin glücklich mit meinem Leben, so wie es ist. Aber, sagt mal, ihr habt doch in zwei Wochen Ferien, oder?“
„Ja?“
„Dann habe ich mein Projekt abgeschlossen. Ich sage meinem Chef, dass ich die ihm zugesagte Unterstützung für seinen Promotion-Feldzug aufschieben muss, da ich Urlaub mit meiner Familie mache. Wir fliegen irgendwohin.“
Die Töchter jubelten, seine Frau blickte ihn fragend an.
„Ja, geht das denn?“
Er hob die Schultern.
„Muss.“
Als er um halb acht in der Frühe wieder Richtung Göttingen unterwegs war, hielt er sich auf der mittleren Spur und fuhr verhalten. Ihm steckte das Erlebte noch in den Knochen. Er stellte das Radio lauter. Ein Smart überholte einen LKW und scherte direkt vor ihm ein. Sein Blick wanderte zur linken Spur. Eine langgestreckte, überschaubare Gerade.
„Ach, was soll’s?“
Er wechselte hinüber und überholte.
„… als Wachmacher wieder einen Klassiker: Highway to hell!“, tönte es aus den Lautsprechern.
„Nä!“ Sofort wählte er einen anderen Sender. Ein kurzer Schauer lief ihm über den Rücken. „Schlechtes Omen.“
Er setzte seine Fahrt mit ABBAs „Money, money, money“ und einem Lächeln fort.