"Tietsche - ein Freund mit vier Pfoten"

Husum 1909

 

Hein Friedrichsen - ein Husumer Krabbenfischer, der sich trotz Schwindsucht mit Mühe durchschlug - war mit seinem einzigen Sohn und seinem Hund „Tönnes“ auf Krabbenfang.

 

Der Fang war erfolgreich und fast beendet. Ein letztes Mal füllte sich das Schleppnetz und Hein hatte vor, nach dem Abkochen der Krabben den Heimathafen Husum anzusteuern. Sein Sohn Johann war erleichtert – er wollte die reiche Ausbeute so schnell wie möglich verkaufen. An diesem Tag im April 1909 war ihnen das Schicksal nicht hold. Ihre Baumkurre verfing sich am Grund und brachte ihren Kutter „SH Hauke“ in Schieflage. Das wäre vielleicht kein allzu großes Problem gewesen, wenn sich ein Teil vom kochenden Inhalt des eisernen, befeuerten Kessels, der auf dem Vorderdeck stand, nicht über Johanns rechten Arm ergossen hätte! Die Schmerzen lähmten ihn und sein Vater Hein schaffte es nicht allein, die Baumkurre zu befreien. Die See war sehr unruhig und Wellen überfluteten den kleinen Kutter.

 

Tönnes bellte und schnupperte aufgeregt an Johann herum. Der Hund war Hein erst vor wenigen Monaten zugelaufen und er hatte ihn in sein Herz geschlossen – ein wunderbares Tier. Jetzt versuchte der Hund,  seinem Sohn hoch zu helfen und zerrte an seinem linken Ärmel.

 

„Hau ab und lass mich, du Mist-Töle!“, rief Johann. Der Hund verstand. Zu seinem Herrchen schaffte er es nicht, dazu war der Seegang zu stark.

 

„Johann! Ich muss die Baumkurre befreien, sonst zieht es uns runter!“

 

Der Wind und die einschlagenden Wellen verschluckten die Worte. Hein musste hinten bleiben, um den Kutter und die Fracht zu retten. Er konnte sich nicht zu seinem Sohn vorarbeiten, sondern zog und rüttelte an der Baumkurre. Umsonst. Als die Schieflage den Kutter zum Kentern brachte, sprang Tönnes in die Fluten und schwamm.

 

„Ein Kutter ist noch draußen!“ rief Heins Frau Mette aufgeregt und lief den Kai auf und ab – ihre Blicke suchten bis zum Horizont. Es kam kein Krabbenkutter mehr.

 

Tönnes musste wohl um sein Leben geschwommen sein und durchgehalten haben ... Niemand vermochte später zu sagen, wie er es geschafft haben konnte.

 

Warum hatte er überlebt? Was mochte da draußen nur geschehen sein? Er wurde im Hafen gesehen, aber er war nicht nach Hause gelaufen! Markthändler hatten ihm Abfälle hingeworfen, von denen er sich zwei Tage lang ernährte. Dann war er nicht mehr gesehen worden. Mette erfuhr davon erst nach der Totenmesse für ihren Mann und ihren Sohn. In ihrem Unglück kümmerte sie der Verbleib des Hundes nicht - sie hatte ihn nicht gemocht, diesen „blöden, zugelaufenen Köter“, an dem ihr Mann so gehangen hatte.

 

 

 

Husum, November 1911

 

 

Es dämmerte bereits. Der Sturmwind peitschte das Meer. Dicht aneinander gedrängt stand Elise mit ihren Kindern nahe am Kai – eigentlich zu nah. Sie hatten eine heilige Pflicht zu erfüllen und ertrugen darum jede eisige Fuhre Wassers, die die aufgewühlte See mit der Gischt berstender Wellen über sie schüttete.

 

Ihre schweren Filzmäntel hielten dem nicht mehr Stand und alle drei waren fast bis auf die Haut durchnässt.

 

„Kinder! Wir müssen uns beeilen, sonst war Tietsches Heldentat umsonst und wir sterben an einer Lungenentzündung!“

 

Der achtjährige Hannes und seine drei Jahre jüngere Schwester Anni hielten gemeinsam das schwere, eingewickelte Bündel umklammert, welches die sterblichen Überreste ihres Helden barg. Tietsche.

 

Elise erinnerte sich genau:

 

Diesen mittelgroßen, braunen Mischlingsrüden hatte Hannes vor zwei Jahren mit in ihr bescheidenes Heim gebracht. Das verwahrloste Tier war ihm vom Fischmarkt am Husumer Hafen, wo der Junge ein paar grüne Heringe erstanden hatte, bis nach Hause gefolgt. Elise war wenig begeistert gewesen, bedeutete das doch nur ein Familienmitglied mehr, welches es zu versorgen galt. Der Blick des Hundes aus großen, dunklen Augen, seine Zutraulichkeit und Hannes‘ Flehen hatten sie schließlich zustimmen lassen, ihn zu behalten.

 

Anni lugte damals nur vorsichtig hinter der Küchentür hervor, ihr war der schwanzwedelnde Hund nicht ganz geheuer gewesen.

 

„Wie soll er denn heißen?“ hatte Elise gefragt und dachte nun wehmütig an diesen Moment zurück.

 

„Matthias!“, war Hannes‘ prompte Antwort gewesen. „So wie Onkel Matthias.“

 

Gerade als Elise einen Einwand hatte bringen wollen, denn diesem Tier den Namen ihres verstorbenen Bruders zu geben, missfiel ihr, hatte Anni begeistert „Tietschas!“ gerufen. „Tietschas! Tietschas!“ Die Lütte konnte den Namen nicht aussprechen.

 

„Dann lieber Tietsche!“, meinte Hannes - und so war Tönnes zu seinem neuen Namen gekommen.

 

„Du musst erst beten, Mutter!“, rief Anni nun gegen den brausenden Wind an.

 

„Ich weiß nicht, ob man für einen Hund beten darf!“

 

Schon trafen Elise die entsetzen Blicke ihrer Kinder.

 

„Aber Mutter! Tietsche muss doch in den Himmel!“

 

Hannes‘ Worte verfehlten nicht ihre Wirkung und so überwand Elise ihr schlechtes Gewissen - denn Tietsche war schließlich nicht getauft …

 

„Gut, gut! Ich bete!“

 

Die Trauernden senkten ihre Blicke. Hannes und Anni drückten Tietsche an sich - das ersetzte die übliche Gebetshaltung – nur Elise löste nach kurzem Zögern ihre schützende Umarmung und faltete mit Mühe ihre vor Kälte klammen Hände.

 

„Lieber Gott, wir müssen uns heute von unserem besten Freund verabschieden“,  begann sie, „… von unserem geliebten Hund Tietsche. Du weißt, wir wären nicht hier, wäre er gestern nicht so tapfer gewesen. Er hat unser Leben gerettet und musste seines dafür hergeben, als er den betrunkenen Mann angriff, der schon ein Messer gezückt hatte, um uns Übles anzutun …“

 

Elise konnte nicht davon sprechen, dass dieser Mann am Vorabend ihr Freier gewesen war - ein Krabbenfischer, dem sie nach dem Liebesdienst heimlich den Geldbeutel abgenommen hatte. Nicht aus Gier, nicht für sich, sondern aus Verzweiflung. Er hatte versucht, ihren Preis im Nachhinein herunterzuhandeln, ihre Notlage auszunutzen. Als er ihr die wenigen Pfennige auf den Tisch warf, hatte sie bemerkt, dass seine Geldbörse reichlich gefüllt war…

 

Elise, sehr jung verwitwet, musste Hannes und Anni allein versorgen – da durfte sie manchmal nicht zimperlich sein. Was sie als Wäscherin verdiente, reichte hinten und vorne nicht und so gab sie sich für Geld Männern hin.

 

Nun war Tietsche, ihr tapferer Beschützer, tot. Sie fühlte sich schuldig daran  –  oder zumindest nicht unschuldig. Dass der Mann noch lange an den zahlreichen Bisswunden zu leiden haben würde, empfand sie nach diesem Verlust als kleine Genugtuung…

 

„… Tietsche hatte eine große, gute Hundeseele und darum bitten wir dich, Allmächtiger, lass ihn in den Himmel …!“ Sie wollte keine Gotteslästerung begehen und verbesserte sich schnell: „ … oder in den Tierhimmel!“

 

Sie schaute ihre verweinten Kinder fragend an – die nickten – und gemeinsam sprachen sie nun alle drei ein langgezogenes, lautes „Amen!“

 

„Nun müsst ihr Tietsche in die Wellen werfen!“, forderte sie Hannes und Anni auf. Sie taten es, ohne zu zögern, denn sie konnten ihn kaum noch halten.

 

Das Bündel fiel in die wild bewegten Fluten. Ein Seufzen der Kinder begleitete Tietsches letzten Weg -  aber das war nicht zu hören.

 

Elise zog ungeschickt ein Tuch aus der Manteltasche, wischte die eigenen und die Tränen ihrer Kinder ab und säuberte die Laufnasen, erst dann schob sie ihre Kleinen mit festem Griff energisch in Richtung der Häuser, die dicht am Hafen lagen.

 

Sie hatten kaum die schützenden Mauern erreicht, als sich der Wind plötzlich legte!

 

Erstaunt wandten sie sich um. In der Ferne hörten sie Hundegebell …

 

„Siehst du, Mutter, jetzt ist Tietsche angekommen“, sprach Hannes feierlich. Elise und Anni glaubten ihm und wunderten sich nicht einmal darüber.

 Am nächsten Tag  wurde ein brauner, freundlicher Mischlingsrüde in Noordströön“ (Nordstrand) gesehen. Er suchte sich ein Herrchen – einen armen Schafhirten, der von Geburt an einen verkrüppelten linken Arm hatte. Dessen Hütehund war schon sehr altersschwach. Der Hirte gab dem zugelaufenen Hund den Namen „Fiete“ …