Der Wunschhund

 

„Ich wünsche mir einen Hund. Sonst nichts.“

Das war alles, was auf meinem Wunschzettel stand, den ich zwei Tage nach Nikolaus schrieb. Ich wusste, dass meine Eltern gegen jede Art von Haustier waren – da machte ein Hund keine Ausnahme. Aber ich wollte doch so gerne einen! Ich war bereit, jedes Opfer zu bringen. Mit siebeneinhalb Jahren war ich wohl alt genug, Verantwortung für einen Hund zu übernehmen!

Um sicher zu gehen, dass der Weihnachtsmann meinen Wunschzettel auch bekam, steckte ich ihn in einen Briefumschlag, beschriftete diesen mit: „An den Weinachtsman PASÖNLICH!“ und wickelte ihn in Frischhaltefolie. Dann öffnete ich mein Zimmerfenster und legte ihn von außen auf den Fenstersims. Damit er bei einem Windstoß nicht herunter geweht wurde, musste ein Stein aus meiner Sammlung als Briefbeschwerer herhalten.

Es war schon fast so etwas wie Tradition, dass ich aus jedem Urlaub einen Stein mit nach Hause nahm und, von Mama beschriftet mit Urlaubsort und Datum, in mein Regal legte. Ich besaß bereits sechs “Urlaubssteine“. Solch besonderes Stück – „Capri, August 2008“ - lag nun, dem kalten Winterwetter ausgesetzt, vor meinem Fenster. Darunter der Brief. Vor dem Schlafengehen schaute ich, ob der Brief schon fort war – er war es nicht.

Auch am nächsten Tag lag alles genauso da. Ebenso am Tag darauf. Ich wurde unruhig. Hatte ich einen Fehler gemacht? Etwas vergessen oder übersehen?

Warum holte der Weihnachtsmann sich meinen Brief nicht ab? Meine Eltern meinten, ich sollte ihnen den Brief geben, sie würden sich darum kümmern.

Niemals! Das wollte ich keinesfalls! Vor allem nicht, weil mein Vater sagte, er würde ihn in den Briefkasten stecken! Da würde doch irgendein Weihnachtswichtel den Brief öffnen – und wer weiß, was dann damit geschah?!

Nein, ich musste Gewissheit haben und jemanden fragen, der sich wirklich damit auskennt – mein Opa! Er war schon alt und hatte viele, viele Weihnachten erlebt – also hatte er Erfahrung. So musste es sein.

Ich sagte meiner Mutter, dass ich meinen Opa besuchen wollte. Das kam ihr gelegen – sie gab mir gleich noch eine Portion vom Eintopf mit, den wir zu Mittag hatten.

Opa lebte allein in einem kleinen, roten Backsteinhaus am Ende unserer Straße. Einen Katzensprung entfernt, wie er immer sagte.

Auf mein Läuten hin öffnete er.

„Manuel, wie schön, dass du mich besuchst!“

Mein Opa war Witwer, er fühlte sich öfter einsam, hatte er mir einmal anvertraut. Kein Wunder, dass er sich über meinen Besuch freute.

„Tag, Opa! Ich bin hier, weil ich dich etwas fragen muss.“

„Ah ja, dann komm‘ erstmal rein, wir setzen uns in die Küche und ich mach‘ uns heißen Kakao. Was meinst du?“

Ich nickte fröhlich und folgte ihm.

„Na, denn schieß‘ mal los“, forderte mein Opa mich auf und so erzählte ich ihm alles, was mir wegen meines Wunschzettel-Briefes auf dem Herzen lag.

Er brummelte irgendetwas vor sich hin und stellte mir einen Becher dampfenden Kakao vor die Nase.

„Opa? Was meinst du dazu? Sag‘ doch was.“

„Tja, Manuel, ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob der Weihnachtsmann dir deinen Wunsch erfüllen kann – ob er den Brief nun persönlich bei dir abholt oder ihn per Post bekommt.“

„Warum denn nicht, Opa?!“, fragte ich enttäuscht.

„Weil er dir nichts schenken wird, was deine Eltern verbieten. Das hat er noch nie gemacht.“

„Och, Mann!“ Mit schwerem Herzen pustete ich in meinen Kakao, damit er abkühlte. Mein Opa hatte genau das gesagt, was ich befürchtet hatte. Meine Laune war auf dem Tiefpunkt.

Da es früh dunkel wurde, begleitete mich mein Opa nach Hause. Kaum angekommen, begann es zu schneien!

Ich wollte noch nicht hineingehen sondern die tanzenden Flocken mit meinem Mund einfangen.

Opa trat sich die schweren Stiefel ab und trat ein.

Als ich abends zu Bett gehen wollte, schaute ich sicherheitshalber noch einmal auf den Fenstersims. Mein Wunschzettel war fort! Nur der Urlaubsstein lag noch da. Endlich! Aber was sollte der Weihnachtsmann damit anfangen? Er würde mir meinen einen sehnlichen Wunsch ja doch nicht erfüllen …

Der Heilige Abend kam.

Unter dem wunderschönen Weihnachtsbaum lagen zahlreiche Geschenke für mich! Aber kein Hund!

„Bevor Manuel seine Geschenke auspackt“, sprach mein Opa, „ möchte ich dieses Jahr ausnahmsweise einmal als erster meine Geschenke bekommen!“

Ich staunte. Mein Vater und meine Mutter nickten lächelnd, meine Mutter reichte Opa ein Päckchen.

Er öffnete das bunte Papier und hielt einen langen, dünnen Ledergurt hoch, an dem ein Anhänger befestigt war.

„Was ist das denn?“, fragte ich, denn ich erkannte den Gegenstand nicht.

Opa schien sehr überrascht.

„Das ist ja eine Hundeleine! Na sowas!“

Ich verstand gar nichts mehr!

Meine Mutter sagte:

„Damit du immer Gesellschaft hast, Papa, hast du ab heute einen Hund – und dazu diese hübsche Leine für’s Gassi-Gehen.“

Ich war entsetzt!

„Und ich??!“, rief ich laut.

Meine Eltern und Opa lachten.

„Weißt du, Manuel“, begann mein Opa, „ ich bin doch immer so alleine und da dachte ich mir, ich frage deine Mutter, ob sie mich begleitet, wenn ich mir einen Hund aus dem Tierheim hole … der dir gehört! Er lebt aber bei mir. Du kannst ihn besuchen, so oft du willst und mit ihm Gassi gehen. Ich würde dich dabei gerne oftmals begleiten, wenn du nichts dagegen hast.“

Ich war sprachlos!

„Und wo ist der Hund?!“, fragte ich neugierig.

„Ehrlich gesagt, ist es eine Hündin“, berichtigte mich mein Opa schnell. Er reichte mir die Hundeleine.

„Schau mal, was auf dem Anhänger steht.“

Ich blickte auf das blanke Teil und las: Capri! Dann öffnete mein Vater die Wohnzimmertür und kam einen Augenblick später zurück mit einem hellbraunen, lebhaften Fellknäuel auf dem Arm!

„Das ist deine Hündin “Capri“, sprach er und  setzte sie auf dem Boden ab.

„Capri?! Das stand auf meinem Urlaubsstein!“

„Wirklich?“, fragte Opa. „Zufälle gibt’s!“

Damit gab ich mich vorerst zufrieden …

Den Rest des Heiligen Abends beschäftigte ich mich nur mit „Capri“, das könnt ihr euch ja denken … es war das schönste Weihnachtsfest, das ich bisher erlebt habe – und es waren nun auch schon viele!