"Die Frau des Pfandflaschensammlers"

 

 

 

„Scheiß Kippen!“, fluchte Gabriele und nahm noch einen letzten tiefen Zug, blies den Rauch langsam mit gespitzten Lippen aus und drückte die fast völlig heruntergebrannte Zigarette in dem vollen Aschenbecher aus.

„Adios! Und jetzt ist Schluss damit.“
Ihre Gesundheit war ihr egal – was an allen Ecken und Enden fehlte, war Geld! Geld für Tabak und Hülsen. Die teuren Packungen kaufte sie sich sowieso nicht. Seit Jahren stopfte sie. Und wenn sie so richtig knapp bei Kasse war, dann pulte sie noch die letzten Tabakreste aus den Kippen – Hauptsache, sie hatte etwas zum Qualmen.
„Scheiß Leben. Scheiß Geld. Alles Scheiße!“, dachte sie und erhob sich mühsam vom Sofa. „Uuuiiih! Das war wohl ein Glas zu viel.“ Sie griff nach dem überquellenden Ascher und der leeren Rotweinflasche und visierte die Küchentür an – tief durchatmend und so würdevoll wie nur irgend möglich wankte sie in Richtung Mülleimer, der ebenfalls überquoll. Den Aschenbecher entleerte sie kunstvoll in noch vorhandene Lücken. „Genie, ich.“

 

Blick auf die Küchenuhr – halb eins. „Scheiße nochmal! Was kochen?“ Gleich würde Günther heimkommen, ihr Mann. Sie durchsuchte den Kühlschrank, riss den Vorratsschrank auf. „Nä, das wird nix. Keine Ahnung, warum ich mir heute nicht den Wecker gestellt hab und zur Tafel gegangen bin. Das gibt Ärger … Naja, wenn sich sein Rumgesuche gelohnt hat, vielleicht auch nicht. Dann geh’n wir morgen zum Türken. Döner. Oder ich hol TK-Pizza. Egal. Aber jetzt? Eine gute halbe Stunde hab ich ja noch.“
Sie ging die Zwei-Zimmer-Wohnung ab, um schnell noch etwas Ordnung zu schaffen, hievte den alten Staubsauger aus der Schlafzimmerecke, zog mit viel Schwung das Kabel raus und wollte loslegen. Der Sauger heulte lauter als normal und ein muffiger Geruch entkam seinem Inneren. Hecktisch schob sie den Saugkopf über den mit Katzenhaaren bedeckten Läufer. „Fuck! Das Ding saugt nich mehr, is voll. Kein Beutel mehr da! Kacke! Und Miezie hat das Katzenklo vollgepisst. Oh, nä. Mir reicht’s!“
Sie riss das Kabel aus der Steckdose und trat auf den Auslöser der automatischen Aufwicklung. Nach einem Meter wickelte sich nichts mehr auf. Fluchend packte sie den Sauger wieder an seinen Platz und sah nach den Katzenfuttervorräten – wenigstens hatte das liebe Vieh noch genug zu fressen. Dose auf und rein in den Napf. Fertig. „Miezie!“ Die schwarzweiß gefleckte Katze kam gleich angelaufen, um sich auf den gefüllten Napf zu stürzen.

 

Gabriele blickte kurz in den Flurspiegel. „Oh Gott! Naja!“ Sie griff nach der Bürste, fuhr damit drei, vier Mal durch ihr stark angegrautes, aschblondes Haar und band sich mit einem Haargummi einen Pferdeschwanz. „Okay, das reicht.“
Sie schnappte sich ihre abgeschubberte Kunstlederhandtasche – Flohmarkt, zwei Euro – und vergewisserte sich, dass der Haustürschlüssel im Vorfach lag.
„Geld! Geld?“ Sie kramte ihre Geldbörse hervor und zählte nach – drei Euro fünfundfünfzig. „Nudeln mit Tomatensoße! Ja! Schmeckt und geht schnell. Mehl? Hab ich noch. Öl? Jupp! Also Tomatenmark und Nudeln. Reicht. Dann los.“
Die Tür ließ sie hinter sich ins Schloss fallen, ging schwerelos zur Treppe und griff nach dem Handlauf. „Fünfundzwanzig Minuten! Jetzt aber hopp! Waren die Stufen schon immer so ungleichmäßig hoch?! … Alter!“

 

Die Sonne brannte heiß und blendete sie, als sie aus der Tür trat. „Mist, ich hab den Beutel vergessen – egal. Nudeln und Tomatenmark stopf ich in die Handtasche. Vielleicht reicht es noch für’n Tetrapack Yogiwein? Wär super.“
„Guten Tag, Frau Müller“, begrüßte sie die Kassiererin an der Kasse.
„Tach.“ Sie stopfte Nudeln und Tomatenmarktube in die Handtasche, der Wein passte leider nicht hinein. „Jetzt seh ich aus, als ob ich ‘ne Alki wäre“, durchfuhr es sie. Für Tabak hatte es nicht gereicht. Hoffentlich war Günther heute erfolgreich …
Kurze Zeit später, als sie hörte, dass sich der Schlüssel im Türschloss drehte, rührte sie bereits angestrengt in der Mehlschwitze. „Ach ja, Brühepulver rein. Etwas Zucker, Pfeffer, …“ Nebenbei trank sie einen großen Schluck des eben erstandenen Weines – aus einer Kaffeetasse. Das sah nicht so nach Weintrinken aus.
„Hallo mein Schatz! Was gibt’s zu essen?“
Sie antwortete nicht gleich, sondern konzentrierte sich ganz auf die Herstellung der Soße. Es bereitete ihr Mühe, ihre Gedanken zu fokussieren. „Jetzt … das Tomatenmark hineinquetschen … Wasser dazu … Weiter rühren … Fertig!“
„Nudeln mit Tomatensoße.“
„Nix Gesundes?“, fragte Günther, der schon neben ihr stand. Er gab ihr einen Kuss auf die Wange.
„Tomatenmark ist sehr gesund!“, widersprach sie und schob den Topf mit der Soße auf eine kalte Herdplatte.
„Warum trinkst du schon wieder Wein? Es ist gerade erst Mittag …“
Gabriele seufzte. „Mein Gott, Günther! Das macht mich glücklicher. Diese kleine Freude solltest du mir wohl gönnen. Bei dem scheiß Leben, dass ich habe.“
Günther verstand die Anspielung. Oft genug musste er sich von ihr anhören, dass er Schuld sei für diese erbärmlichen Lebensumstände.
„Soll ich die Nudeln abgießen?“, fragte er und sie nickte.
Sie setzten sich an den Küchentisch, dessen graue Resopalplatte schon bessere Zeiten gesehen hatte. Jetzt zeigte sie Risse, Brandflecken …
Der Tisch war lieblos gedeckt mit zwei gelben, sich wellenden Kunststoff-Ess-Sets, auf denen je ein tiefer Teller und eine Gabel lagen. Schweigend begannen sie zu essen.
„Nicht übel.“ Günther nickte anerkennend und schaufelte weiter.
Sie beobachtete ihn.
„Wat schlingt er wieder wie ein hungriger Köter!“
Er blickte auf. „Acht Euro fünfundzwanzig“, grunzte er mit vollem Mund und grinste stolz.
„Na, Spitze“, lobte sie ihn und dachte, dass das für Tabak und irgendetwas zu essen reichen würde. „Vielleicht Senfeier und Kartoffeln …“
„Gabi, was hältst du davon, wenn wir am Wochenende endlich mal wieder Stefan besuchen? Und bitte sag jetzt nicht wieder, dass du keine Lust hast.“
Stefan war ihr Ältester – fünfundzwanzig, Malergeselle, verheiratet mit Yvonne, ein Kind: Steven-Simon, vier.
Ihre Tochter Bettina war zweiundzwanzig, studierte Physik und hatte sich von ihren Eltern distanziert. Sie waren ihr peinlich.
„Stefan besuchen? Aber dann müssen wir Steven etwas mitbringen!“
Günther zuckte mit den Schultern.
„Und? Ein kleines Matchboxauto vielleicht? Reicht doch.“
„Mindestens zweifünfzig“, grübelte sie und verfluchte diesen Scheiß-Geschenkezwang! „Tabak! Wie soll ich mir dann noch Tabak leisten können?“ Diesen Gedanken behielt sie für sich.

 

Seit Günther, ehemaliger Maurer, im Vorruhestand war –Rheuma – und sie mit ihren fünfundfünfzig Jahren langzeitarbeitslos – Verkäuferin in einem Drogeriemarkt, im früheren Leben – waren sie innerhalb kürzester Zeit hinabgestiegen – hinabgestiegen in das Reich der „Schwachmaten“, der „Loser“, der „Asozialen“. Damit konnte sie sich nicht abfinden. Aber es half ja nix. Sie trank mehr – gegen den Frust, obwohl sie sich immer einredete, dass sie nur aus Genuss trank. Mehr als früher, mehr, als sie damals gemeinsam gemütlich vorm Fernseher getrunken hatten. Es milderte alles, irgendwie. Und sie rauchte mehr. Mindestens zwanzig Fluppen pro Tag. Gestopfte – logisch, was sonst?

 

Und Günther? Ach, je! Dieser gutmütige Träumer. Der gab nicht auf, er kämpfte! Er stand jeden Tag – Wochentag – um sieben Uhr auf. Dann machte er sich im Bad ordentlich zurecht, kochte Kaffee, den er in die schwarze Thermoskanne goss, damit sie später auch noch heißen Kaffee hatte, frühstückte eine Kleinigkeit und ging los – zur „Arbeit“! Das hieß, er suchte Pfandflaschen in den Mülleimern der Stadt, an den Straßenrändern, im Park oder er fragte höflich, ob er sie haben durfte, zum Beispiel auf Baustellen … Ihr Mann kannte keine Würde – so empfand sie es! Aber inzwischen war es ihr egal. Ihm wohl auch. Oder sah er es anders? Günther war in ihren Augen der Loser schlechthin. Ein Versager. Er war schuld, dass sie arm waren. ARM!

 

„Scheiße hoch drei, Günther! Wir müssen jeden Cent zweimal umdrehen und können kein verdammtes Matchboxauto kaufen!“
Entgeistert starrte er sie an. „Sag mal, spinnst du jetzt völlig, Gabi? Ich gehe nachher ins Sozialkaufhaus und suche ihm etwas Schönes aus.“
Günther bemerkte das kleine Zucken um ihren Mund.
„Was ist?“
„Wir können nicht zu Stefan, weil …“ Gabriele atmete tief durch und fuhr leise fort: „… wir ihm Geld schulden und ich ihm versprochen hatte, es ihm beim nächsten Besuch zurückzuzahlen.“ Jetzt war es raus.
„Wir? … WIR schulden ihm Geld?! Davon höre ich zum ersten Mal! Wie viel hast du dir geliehen?“
„Sechzig.“
„Wann?“
„Vor sechs Wochen.“
Günther stand auf und begann in der kleinen, schlauchförmigen Küche auf und ab zu gehen.
„Wofür?“
„Für alles eben … irgendwie.“
„Hat unser Geld nicht mehr gereicht für deinen Alkohol- und Tabakkonsum, oder was?! Warum hast du das heimlich hinter meinem Rücken gemacht?!“
Gabriele lachte verächtlich.
„Das Geld reicht doch sowieso nie! Was können wir uns denn noch leisten? Nix!“
„Das muss ich mir nicht anhören. Du tust selber keinen Handschlag dafür, dass es uns besser geht und bettelst noch unseren Sohn an! Ich tu wenigstens etwas!“
„Ach ja? Wer gibt mir denn noch Arbeit?! Hä?!“
„Keiner. Mir ja auch nicht. Aber du könntest auch Flaschen sammeln gehen, so wie ich.“
„Fang nicht wieder damit an! Lieber verhungere ich, als dass ich das tu.“
„Jaaa! Die Dame ist sich immer noch zu fein dafür, aber das Geld, das ich mitbringe, nimmt sie gern.“
Gabriele stand abrupt auf, so dass der Stuhl dabei fast umkippte, und ging beleidigt ins Wohnzimmer. Günther schnaubte.
„Dann halte wenigstens deine Klappe und mach mir keine Vorwürfe, wenn du selbst zu faul bist, deinen Hintern hoch zu kriegen!“
„Ach, lass mich doch in Ruhe“, sagte sie leise und ließ sich resigniert aufs Sofa sinken. Sie hörte, wie er das Geschirr geräuschvoll klappernd abräumte und ins Wohnzimmer kam.
„Kann ich Geld für Tabak haben?“, fragte sie kleinlaut. Unverständliches murmelnd legte er ihr Münzen auf den Tisch.
„Danke.“
„Warum warst du heute nicht bei der Tafel?“
„Ich wäre erste Reihe gewesen … hab ich verschlafen, sorry.“
Günther seufzte und schüttelte missbilligend den Kopf.
„Ich habe mir überlegt, dass ich alleine zu Stefan fahren werde und ihm erkläre, dass wir die sechzig Euro erst Anfang nächsten Monats zurückzahlen können.“
„Von mir aus.“ Gabriele fragte sich, wovon er das Geld abknapsen wollte, zumal auf einen Schlag, sagte aber nichts dazu. Sollte er doch zusehen, wie er das anstellte.

 

Günther war vor sie getreten und blickte sie schweigend an. Sie sah zu ihm auf – er wirkte nachdenklich.
„Was?“
„Ach, nichts.“
„Wieso guckst du dann so?“
Er zögerte.
„Weißt du eigentlich, dass du ganz schön fertig aussiehst, Gabi?“
„Wundert dich das? Bei so einem Le…“
„Das meine ich nicht“, unterbrach er sie. „Du lässt dich gehen und das macht mir Sorgen.“
„Pfff.“ Sie zuckte mit den Achseln.
„Willi sagt das auch. Der hat dich vor Kurzem gesehen und meinte, du siehst ganz schön heruntergekommen aus.“
„Sach ma, spinnt der?! Was fällt dem denn ein?!“ Sie wusste, dass er recht hatte, aber das zu sagen, war ja wohl eine Frechheit!
„Kannst du nicht auch mal was anderes anziehen als immer diese verwaschenen Leggings und Schlabbershirts? Du bist doch schlank, kannst alles tragen. Und dann … dann diese Gesundheitslatschen dazu.“
„Hallo?! Erstens sind das Jeggings und keine Leggings und zweitens ist das bequem. Soll ich vielleicht Pumps anziehen, wenn ich nur mal eben zum Supermarkt runtergehe oder den Müll rausbringe?“
„Ist doch egal, wie die Dinger heißen, aber – ja. Das heißt nein. Zum Müll rausbringen natürlich nicht, aber sonst. Also überhaupt und so. Willi ist es, wie gesagt, auch schon aufgefallen.“
„Willi! Klar! Dein bester Freund! Toller Freund! Der ist doch hinter jedem Rock her, da kann ich ja froh sein, dass er mir vom Leibe bleibt. Oder muss ich mich jetzt für dich auch noch aufdonnern, damit dich mir keine wegnimmt? Stehen Pfandflaschensammler gerade hoch im Kurs, oder was?“
„Schon gut. Vergiss es. Ich geh wieder arbeiten. Bin um sechs zuhaus. Ähm … mach mal das Katzenklo sauber, es riecht schon sehr.“

 

Als Günther gegangen war, beeilte sich Gabriele zum Supermarkt zu kommen. Sie hatte seit über einer Stunde keine mehr geraucht und brauchte jetzt dringend neuen Tabak.
Wieder im heimischen Flur angekommen, blieb ihr Blick beim Abstellen der Handtasche an ihrem Spiegelbild hängen. Sie trat näher heran und begutachtete ihr Äußeres. Wie recht Günther doch hatte! Jetzt, beim genaueren Hinsehen, erkannte sie ihre fahle Gesichtsfarbe. Tiefe Zornesfalten, Augenringe und die schmalen Lippen mit hängenden Mundwinkeln ließen sie verhärmt aussehen. Sie versuchte ein Lächeln. Ein breites Grinsen. Ein Lachen. Sie erschrak. „Scheiße, ich muss zum Zahnarzt!“ Die oberen Schneidezähne zeigten bereits kariöse Stellen, wo sie sich berührten! Sie riss den Mund weit auf und drehte den Kopf in alle Richtungen, um das ganze Ausmaß unregelmäßiger Zahnpflege in Augenschein zu nehmen. Kaffee, Rotwein und Tabak hatten deutliche Spuren hinterlassen. „Immerhin sind es noch meine eigenen“, beruhigte sie sich. Günther trug seit gut zwei Jahren im Oberkiefer eine Prothese. Ja, das sah natürlich wesentlich besser aus, als ihr „Esszimmer“. Tauschen würde sie trotzdem nicht wollen.
Gabriele wandte sich von ihrem Spiegelbild ab, kramte das Päckchen Tabak aus der Handtasche und setzte sich in an den Küchentisch, um sich eine Zigarette zu stopfen. Das notwendige „Bastelmaterial“ befand sich in der Schublade unter der Platte. Genüsslich rauchend stopfte sie gleich einen Vorrat.
Sie dachte wieder an Günthers Worte. Die Aussicht auf die bevorstehenden Mühen, die ein „Aufbrezeln“ mit sich bringen würde, ließen sie den nur im Ansatz gedachten Entschluss sofort wieder verwerfen. „Mann, bin doch keine zwanzig mehr. Muss ich mich nach fast dreißig Jahren Ehe noch in Schale schmeißen? Für Günther? Wozu? Da läuft doch eh nix mehr.“

 

Ja, bei Günther lag die Sache anders – er trieb sich jeden Tag draußen herum und wollte nicht „asi-mäßig“ aussehen, auch oder gerade weil er Pfandflaschen sammelte. Er sah noch ganz passabel aus mit seinen achtundfünfzig Jahren. Kräftige Statur, aber nicht dick. Kurzer, weißer Stoppelhaarschnitt, den sie immer gut bei ihm hinkriegte mit dem elektrischen Kurzhaarschneider, und stets in gebügeltem Hemd, Jeans und Sportschuhen unterwegs. „Sneaker“ seien das, betonte er immer. Wenn es kälter war, trug er eine moderne Art von Parka drüber – ein Stück, das Stefan sich bestellt hatte und, da es zu groß ausgefallen war, seinem Vater schenkte. Die Hemden bügelte Günther selbst, denn Gabriele war der Meinung, dass er ja auch bügelfreie Klamotten wie Poloshirts tragen könnte.
Lustlos stemmte sie sich langsam vom Stuhl hoch, wusch ab, räumte das Nötigste auf, vergaß auch das Katzenklo nicht – der Geruch machte ein Vergessen unmöglich – und nahm die Wäsche ab, die auf dem winzigen Balkon bei der Hitze längst getrocknet war. Sie legte sie sogar ordentlich zusammen und gleich in den Schrank, worauf sie sich zur Belohnung ein Glas Wein gönnte. Aus der Tasse trank sie den nur, wenn sie tagsüber nicht allein war – und abends konnte ihr keiner einen Vorwurf machen, wenn sie nach dem Essen ein Gläschen trank …
Günther lief seine Nachmittagsrunde. Vormittags nahm er einen anderen Weg. Ein unausgesprochenes Gesetz unter Flaschensammlern, die sich mit der Zeit untereinander kannten, verbot es, im fremden Revier auf die Suche zu gehen. Erstaunlicherweise hielten sich die meisten daran.
„Günther!“ Willi, der derselben Arbeit nachging, rief seinen Freund und winkte ihm von der gegenüberliegenden Straßenseite zu. „Käffchen?“
Günther stopfte noch schnell zwei Fundstücke in die Plastiktüte, drehte sich zu Willi um und nickte.
„Aber hallo! Klar doch!“
Beide gönnten sich täglich einen unverschämten Luxus: Sie trafen sich gegen fünfzehn Uhr bei „Uschis Linde“, einem Kiosk. Dort setzten sie sich an einen der beiden Bistrotische, die unter der Linde standen und tranken einen Becher Kaffee – ein Euro! Das waren vier geopferte Pfandflaschen, mit denen sie manchmal tatsächlich bezahlten. Uschi hatte ein großes Herz – vor allem Günther gegenüber …
Als Willi sich bereits wieder verabschiedete, blieb Günther noch sitzen. Er wartete ab, bis sein Freund außer Sichtweite war und trat an den Verkaufstresen.
„Gib mal bitte einen Lottoschein, Uschi, ja?“
Ihre Finger berührten sich, als er ihn aus ihrer Hand entgegennahm.
Wenn auch Gabriele und Willi glaubten, er hätte kein Laster, da er weder rauchte noch trank, so irrten sie. Aber das war Günthers Geheimnis, von dem allein Uschi wusste. Montags kreuzte er zwei Felder an – immer die gleichen Zahlen. Uschi legte ihm den Lottoschein und einen Kugelschreiber hin, sowie ein Stück Pappe als Schreibunterlage. Das tat sie immer. Für Günther war es ein geradezu feierlicher Akt, die Kreuzchen zu setzen. Uschi sah ihm schmunzelnd dabei zu, wie er bedächtig die beiden Felder ausfüllte.
Als er eben fertig war, stellte sich eine stark geschminkte, blondierte Mitvierzigerin neben ihn und gab einen ausgefüllten Schein ab. Angewidert vom extremen Parfumduft verzog Günther sein Gesicht und trat einen großen Schritt beiseite.
„Hier, der ist von letzter Woche. Ich will nur wissen, ob ich etwas gewonnen habe, verglichen habe ich nicht.“
Uschi steckte den Schein in ein Gerät und schüttelte den Kopf.
„Leider nichts.“
Die Frau nahm das wertlose Stück Papier wieder an sich, blickte darauf und seufzte.
„Gut. Das war es dann. Dreißig Jahre sind genug.“ Sie schaute Uschi mit wehmütigem Lächeln an, zerknüllte den Lottoschein und warf ihn in den Papierkorb, neben dem Günther stand.
„Diese Zahlen haben mir kein Glück gebracht.“ Mit diesen Worten wandte sie sich um und ging. Uschi hielt Günther die Hand hin, um seinen ausgefüllten Schein in Empfang zu nehmen, aber er zögerte. Seine Gedanken überschlugen sich! „Was, wenn … ? Und wenn nicht, was dann? Und wenn … Ob ich beide …?“ Er schüttelte energisch den Kopf, griff in den Papierkorb, holte den zerknüllten Schein heraus und sagte bestimmt:
„Neuen Schein, Uschi.“
„Wozu? Schreib doch ihre Zahlen mit auf deinen.“
„Nein, zu teuer. Ich nehme ihre.“
„Na, hoffentlich weißt du, was du tust.“
„Keine Ahnung, Uschi. Ist nur so ein seltsames, starkes Gefühl.“
„Ach Günther, du Träumer, du lieber.“ Und sie lächelten einander an.
Dieses Mal zitterte Günthers Hand vor Nervosität, als er von dem glatt gestrichenen Lottoschein die Zahlen akribisch abschrieb.
„Hier.“ Seine Hand flog, als sie den neuen Schein entgegennahm.
„Alles Glück der Welt wünsche ich dir.“

 

Die Tage blieben heiß und blieben eintönig und Günther hörte sich geduldig Gabrieles Vorwürfe an, händigte ihr sein Pfandgeld aus, bügelte seine Hemden, besuchte Stefan, schenkte seinem Enkel ein Feuerwehrauto, das er günstig im Sozialkaufhaus erstanden hatte und wartete ungeduldig auf den Samstagabend.

 

Am Mittwoch der folgenden Woche kam er abends nicht mehr nachhause. Gabriele bemerkte den Umschlag auf der Anrichte im Flur erst gegen neunzehn Uhr. Sie erkannte Günthers Handschrift und musste sich setzen, als sie seine Zeilen las. Ungläubig schüttelte sie den Kopf und wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. „Er ist weg! Einfach weg! Und ich habe zweihundertfünfzigtausend Euro auf meinem Konto!“
Sie hielt sich beklommen die Hand vor den Mund, stand dann auf, überlegte kurz und ließ dann einen Jubelruf durch die Zwei-Zimmer-Wohnung gellen, von dem sogar die Nachbarn in der zwei Stockwerke höher gelegenen Wohnung etwas hatten! Sie eilte in die Küche, stellte das alte Radio laut und tanzte gleich darauf beschwingt mit Weinflasche in der Hand um die Wohnzimmergarnitur.
„Jetzt kann ich mir alles leisten! Oh Günther, du bist ein wahrer Schatz!“ Sie hatte ihm augenblicklich alles verziehen und wusste, dass sie ihn nicht vermissen würde. Jeder Gedanke an Sparsamkeit war verflogen und sie setzte die Flasche an den Mund und trank sie in großen Zügen leer. Dann kramte sie den Notgroschen aus einer alten Teedose hervor – den heiligen Zwanzig-Euro-Schein! Sie griff nach ihrer Tasche, schmiss die Wohnungstür hinter sich zu, stolperte ungeschickt die Flurtreppe herunter und besorgte sich vier Flaschen Wein und eine Schachtel Zigaretten! Diesen Abend wollte sie gebührend feiern!

 

Fremde Geräusche und ein Klopfen ließen sie erwachen. Mit Mühe öffnete sie die Augen und erschrak heftig. „Wo bin ich?!“ Sie erkannte sogleich, dass sie in einem Krankenbett lag – Einzelzimmer! Die Tür öffnete sich vorsichtig und Stefan steckte den Kopf zur Tür herein.
„Dürfen wir?“, fragte er und trat ein, ohne eine Antwort abzuwarten. Ihm folgten der kleine Steven, Yvonne und …
„Bettina!?“ Gabriele konnte es kaum fassen. „Ihr Lieben! Ich weiß gar nicht, warum …“
Schon standen sie um ihr Bett versammelt und blickten mit ernsten Mienen auf sie herab. Nur Enkel Steven ließ ein Feuerwehrauto mit Gebrumm über ihre Bettdecke fahren.
„Mutti, du siehst furchtbar aus“, sagte Bettina. „Du warst gestern Morgen sturzbetrunken, im wahrsten Sinne des Wortes, und deine Nachbarn, die Neumeiers, haben dich im Hausflur am unteren Treppenabsatz liegend gefunden – neben dir eine Mülltüte voller leerer Weinflaschen. Wir durften dich erst heute besuchen kommen.“
Gabriele spürte, wie ihr die Schamesröte ins Gesicht schoss.
„Ja, Mama“, übernahm Stefan, „du hast dir beim Sturz das linke Handgelenk und zwei Rippen gebrochen und du hast eine große, genähte Platzwunde an der Stirn. Und Blutergüsse. Du hättest tot sein können. Schlimm.“
„Oh, mein Gott! Ich verspreche euch, ich höre damit auf. Wirklich.“
„Das wäre wunderbar, Mutti, denn wir brauchen dich doch noch.“
Das aus Bettinas Mund zu hören, war Balsam für Gabrieles Seele – obwohl ihr die Zweifel, die in ihrer Stimme mitschwangen, nicht entgangen waren.
„Wisst ihr, euer Vater ist weg.“
Alle nickten.
„Stefan, du bekommst deine sechzig Euro wieder, sobald ich hier raus bin.“
Ihr Sohn lachte.
„Ne, Mama. Die hat Papa mir schon wiedergegeben, und dann hat er mir noch Zinsen drauf gezahlt – unverhältnismäßig hohe, sozusagen.“ Er zwinkerte ihr zu.
„Mir hat er auch Geld überwiesen und das nicht zu knapp“, ergänzte Bettina fröhlich.
Gabriele staunte nicht schlecht über diese Neuigkeiten.
„Wenn ich nur wüsste, wo er jetzt steckt. Ich würde mich so gerne bei ihm bedanken, trotz allem.“
„Das wissen wir nicht, Mutti.“ Bettina sah ihre Mutter mit großen Augen an.
Stefan räusperte sich.
„Also, WO er ist, weiß ich auch nicht, aber als ich mir vorhin bei Uschi noch Zigaretten kaufen wollte, war „Uschis Linde“ geschlossen. Im Fenster hing ein Schild mit der Aufschrift: Zu verkaufen. Darunter Name und Telefonnummer ihrer Tochter …“
Gabriele schüttelte den Kopf, trotz eben aufkommender Schmerzen, und sagte leise:
„Na, dann stehen Pfandflaschensammler wohl doch hoch im Kurs.“
Sie seufzte, lächelte in die fragenden Gesichter und blieb ihnen die Antwort schuldig.