"Die Ehebrecherin" - Ballade

 

 

 

 

An Ufers Strand steht sie allein. Der Wind bläst wild und mächtig,

 

und in ihr ruht das nächste Kind. Sie streichelt ihren Leib so lind,

 

voll Wehmutlieb – bedächtig.

 

 

 

Ihr Mann spie ihr ins Angesicht – die Scham ließ sie erröten.

 

Er schrie ihr wilde Flüche nach, weil sie die heil’ge Ehe brach,

 

und drohte, sie zu töten.

 

 

 

Ihr Liebster wagte sich heran, wollt mit ihr fliehen, sie retten.

 

Der Pöbel brüllte „Hurensohn“ und dann ergriffen sie ihn schon.

 

Jetzt hängt er tot in Ketten.

 

 

 

Die Leute riefen „Teufelsweib“. Sie musste es ertragen.

 

Doch als man ihr den Liebsten nahm, der Todeswunsch sie überkam.

 

Sie will sich nicht mehr plagen.

 

 

 

Die Kälte kühlt das Brennen nicht, das schuldbewusst sie leidet.

 

Es zuckt, was nicht mehr heimlich blieb – die Frucht aus Sündes Liebestrieb –

 

als sie sich stumm entkleidet.

 

 

 

Schon wagt sie zögernd einen Schritt, das Nass umspült die Füße,

 

und weiter treibt es sie voran, bis sie schon nicht mehr stehen kann.

 

Sie sinkt herab. „Ich büße!“

 

 

 

Noch hält sie ihren Atem an. In ihr nur Kampf und Ringen.

 

Und plötzlich reißt es ihr am Haar! Ist das ein Zeichen Gottes gar?

 

Soll sie den Tod bezwingen?

 

 

 

Wer zerrt nach oben sie voll Kraft? Wer hat solch starke Hände?

 

Da trifft ihr Blick ein Angesicht, das laut und deutlich zu ihr spricht:

 

„Dies sei noch nicht dein Ende!“

 

 

 

Mit Angst erfüllt starrt sie es an! Ist das die Hexe Hufer?!

 

Zwei alte Augen funkeln blau. Sie ist’s! Die böse Kräuterfrau!

 

„Komm mit ans feste Ufer!“

 

 

 

Die Alte schaut mit mildem Blick, die junge Frau guckt fragend.

 

„Ich bin nicht mit dem Satan eins! Er ließ mir von den Kindern keins.

 

Ich floh vor Gram verzagend.

 

 

 

Im tiefen Wald erst fand ich Ruh und Trost nach langem Suchen.

 

Ich heile mit manch Kräutertrank – da krieg ich Mehl und Salz zum Dank,

 

doch hintendrein ein Fluchen!“

 

 

 

„Wohin mit mir, du gute Frau? Mein Mann, der wird mich töten.“

 

„Sei meine Hilfe, geh doch mit! Bald sind wir, wie ich seh, zu dritt.

 

Befrei dich von den Nöten.“

 

 

 

„Ich habe noch zwei Söhne klein …!“ „Auf die musst du verzichten.“

 

Vor Kälte bebend zieht die Frau die Kleider an und weiß genau,

 

ihr Schicksal wird’s nun richten.

 

 

 

Von Ufers Strand geh’n sie zu zweien. Der Wind bläst wild und mächtig.

 

Die junge Frau hat bald ein Kind, sie streichelt ihren Leib so lind,

 

voll Hoffnung und bedächtig.