l.                                                                                  Indische Hochzeit

(ländliche Region)

 

Stumm lüftet sie den Schleier,

senkt schüchtern ihren Blick.

Jetzt gibt es kein Zurück.

Er darf ihr Antlitz schauen -

sie,  ihm sich anvertrauen.

Schon morgen ist die Feier.

Beginnt dann auch ihr Glück?

 

Sie machen es, wie alle.

Man hat „sie arrangiert“.

Wie sie sich jetzt geniert,

aus Angst vor Pflichterfüllung

und morgiger Enthüllung!

Es ähnelt einer Falle,

wohin man sie dann führt.

 

Sie wird ihr Heim verlassen,

wird anderer Eigen sein.

Man lässt sie gehen, allein.

Der Schwiegereltern Güte,

Zorn oder auch Gewüte

anheimgestellt. Verblassen

wird Blütenpracht im Schrein.

 

Ehe aus Liebesgründen?

Das ist nicht gern gesehen.

An erster Stelle stehen

Familie, Mitgift, Kaste.

Mehndi aus Hennapaste

für Kindersegen! Künden

in Mustern Wohlergehen.

 

Ums Hochzeitsfeuer schreitet

das Paar – nicht Hand in Hand

- geknotet ist das Band,

das beide heut‘ verbindet.

Ob man SIE bald schon schindet?

Grausamkeit sie begleitet?

Ihr bleibt kein anderer Stand.

 

Wird Söhne sie gebären,

so steigt ihr Ansehen schnell.

Dann strahlen Augen hell.

Ein Sohn sei all ihr Streben,

NUR Töchter darf’s nicht geben!

Die sorgen für Entbehren,

sind Schuld- und Sorgenquell.

 

In Schönheit, Kraft und Jugend

geht sie zu ihrem Mann,

der mit ihr machen kann,

was immer er entscheidet.

Und wenn sie noch so leidet,

Gehorsam – höchste Tugend,

zeigt sie von heute an.