b.                                                            Die Pflicht

(Ballade)

 

Den Fürsten beugt des Schicksals Los.

Sein Sohn schafft ihm nur Sorgen groß –

der muss den Stab bald nehmen.

Sein Einziger, schon lang ein Mann,

lebt freudvoll nur – weil er es kann.

So denkt er sich - mit Grämen …

 

Es drückt ihn Sorge, Krankheit schwer.

Die Sach‘ erlaubt nicht Aufschub mehr.

Drum setzt er heut ein Ende!

Er lässt den Jüngling rufen gleich,

der eilet nicht – das Bett ist weich …

„Was, Vater, hebst du drohend die Hände?!“

 

„Cristan! Auf dir ruht all mein Hoffen!

Bis heut‘ hast du es gut getroffen -

warst aller Zwänge bar, mein Sohn! 

Doch musst du zu Johanni* freien,

willst du dich nicht mit mir entzweien

- sonst strafe ich dich hart zum Lohn!

 

Bedenke meine Worte - handele!

In Ehre und als Herrscher wandele.

Erhalte unseren Stamm – die Macht!

Mit Weib und Sohn wirst alles wenden.

Ich will an Magdalena senden,

den Ehe-Antrag, noch heut Nacht!“

 

Cristan bei diesem Wort erbleicht!

Groß Seelennot sich in ihn schleicht

- er kann nur Walther lieben!

Bis heute teilten sie den Gram

ob ihrer Lust und ihrer Scham

- es war geheim geblieben.

 

Ins Auge ihm die Träne fährt!

Nur diesen hat er je begehrt,

den soll er nie mehr küssen?!

Zu viel Gefahr - sie sind verloren!

Und ohne Wert, was sie geschworen.

Er wird ihn lassen müssen!

 

Der Vater sieht dem Jüngling an,

dass er sich fürchtet! Doch er kann

ihm länger Zeit nicht schenken.

„Sprich, willst du Magdalena nicht?!

Sie, die so schön von Angesicht?!

Das gibt mir arg zu denken …“

 

„Ach, Vater“, spricht der Sohn in Schmerzen,

„ich trage Trauer, tief im Herzen,

weil es bereits vergeben ist.

Ich kann dir nichts und darf nichts sagen.

Erspare mir nur Wut und Fragen -

ich nehm das Mägdlein - vor der Frist.“

 

Der Alte weiß nicht, was der spricht,

der Sohn – er sieht die Tränen nicht

und wundert sich im Stillen.

Jedoch – es ist ein treuer Knecht,

sein Einziger – so ist’s ihm recht:

Er folgt des Vaters Willen!

 

Als Cristan Magdalena freit

- noch vor Johanni *- zu der Zeit,

als Kirschen blühen im Garten,

da packt sein Bündel Walther schon.

Er, nur des Stallknechts Waisensohn -

worauf soll er noch warten?

 

Doch ohne Abschied kann er nicht!

Noch einmal schauen das Liebgesicht!

Er lässt es Cristan wissen.

Der kommt zur angegebenen Stund‘.

Sie küssen sich auf Stirn und Mund …

„Wie werd‘ ich dich vermissen!“,

 

spricht Walther noch, als Cristan geht.

Der Vater plötzlich vor ihm steht,

er sah die Liebes-Taten!

Erschrocken sehen sich alle an!

„Du, Cristan, Sohn, liebst einen Mann?!

Das hätt‘ ich nie erraten!

 

Dass du aus Liebe untreu bist

und handelst heimlich, voller List,

das dacht ich schon! Doch schlimmer!

Die Schande musst du tilgen, gleich!“

Die jungen Männer werden bleich

und Stille füllt das Zimmer.

 

„Gebieter, ehrwürdiger, seht …

Ich gehe fort, auch wenn’s schon spät -

mein Bündel ist bereitet!“

Der Fürst blickt Walther grimmig an.

„Schlechter als Mord, was ihr getan!

Hat Satan euch verleitet?!

 

Allein der Tod macht noch gerecht

und schützt mein fürstliches Geschlecht!

Doch … Cristan darf nicht sterben!

Er hat ein Weib, er hält die Kron‘,

ihm ist das Reich, ihm ist der Thron,

und bald zeugt er den Erben!“

 

„Nein Vater! Auch meinen Frevel löse!

Ich war, genau wie Walther, böse

- trotz unserer reinen Herzen!

Da unsere Liebe Sünde ist,

und du nun unser Zeuge bist,

lösch unser Licht - wie Kerzen!“

 

Es windet sich der Fürst und spricht:

„Nein Cristan, nein! Das kann ich nicht!

Ich werde Walther senden

zur Reue ins Gelobte Land!

Auf Kreuzzug ehrt er seinen Stand!

So kann es gnädig enden.“

 

Und Walther folgt des Fürsten Wort.

Als Diener, Fußvolk, zieht er fort

gen Osten mit den Rittern.

Er, dem hier nie gebührt ein Sieg,

durchlebt die Gräuel in dem Krieg

mit Angstgeschrei und Zittern.

 

Derweil entsagt sein‘ große Lieb

jahrein, jahraus dem eigenen Trieb.

Auch Magdalena trauert!

Die müde Hand, der kühle Blick …

was Cristan gibt, gleicht Missgeschick.

Ihr Ja-Wort sie bedauert!

 

Doch endlich nützt die triste Pflicht!

Ein Stammhalter liegt schön und schlicht

in Magdalenas Armen!

Der alte Fürst, dem Tode nah,

als Letztes leise dankt, und da

hat Gott mit ihm Erbarmen.

 

Und Cristan steht mit Weib und Kind

am Fürstengrab im Frühlingswind

und kniet, zum Abschied, nieder.

Da naht heran ein armer Mann,

der schwer am Stab nur laufen kann.

„Erkennst du mich noch wieder?“

 

Und ihre Blicke treffen sich!

In Cristans Herz ein heißer Stich!

„Du, Walther?! Bist am Leben!“

„Du wähntest mich dahingerafft?

Doch schau – ich hab‘s hierher geschafft?!

Das war mein letztes Streben.“

 

Bei diesen Worten fällt er um!

Sein Cristan stürzt zu ihm - und stumm,

fasst ihn - von Lieb‘ getrieben.

„Verlass mich nicht!“ Spricht er, gebeugt,

„ich hab‘ in Pflicht den Sohn gezeugt -

nun will ich endlich lieben!“

 

„Nein! Ich bin meine Sünden los!

Zerstört bin ich, von Wunden groß.

Ich taug‘ nicht mehr zur Liebe.

Dich einmal spür‘n, noch einmal sehen …

Erhört wurd nun mein täglich Flehen!“

Sein Blick wird tränentrübe.

 

Und schluchzend drückt ihn Cristan sehr.

Da spricht Weib Magdalena: „Herr!

Ich werd‘ ihn für dich pflegen.

Ist auch sein Leib ein Trümmerfeld,

er hat nur uns auf dieser Welt.

Wir werden ihm zum Segen.“

 

Der junge Fürst ungläubig schaut

und seinen Ohren nicht recht traut.

„Weib … Walther darf mir bleiben?!“

„Ja, Cristan, Herr! Wenn es gelingt,

ihn zu erhalten. Darauf trinkt!

Ich will ihn nicht vertreiben.

 

Und so geschieht ’s. Genesen kann

Freund Walther - doch er bleibt ein Mann,

gezeichnet von den Wunden.

Er kümmert sich lieb und geschickt

fortan um Erbe Benedict –

so hat er Glück gefunden.

 

 

Wie Cristan und auch Magdalena sich arrangieren in ihrer Welt,

das, lieber Leser, bleibt Geheimnis, weil‘ s die Ballade nicht erzählt.

 

© Corinna Herntier,  August 2015

 

*Der Johannistag (auch Johanni, Johannestag) ist das Hochfest der Geburt Johannes' des Täufers am 24. Juni. (Quelle Wikipedia)